Völlig richtig. Das ist eine zufällige Häufung. Tatsächlich würde ich in Hamburg aber nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, weil die Verkehrsführung und der Zustand der Radwege einfach kathastrophal schlecht sind. An jeder Kreuzung Lebensgefahr. Das mach ich nicht - und ich bin nicht ängstlich im Verkehr jedweder Art ;)
Die absurde Situation an der Kreuzung vor meinem Arbeitsplatz, Autobahnzubringer, 4 spurig, mit aufgemaltem Radweg zwischen den Auto-Spuren: Es sind so viele Fahrradfahrer unterwegs, dass die sich in der Rot-Phase schon stauen und sich gegenseitig gefährlich überholen und rumdrängeln, weil die E-Rentner es eiliger haben als die Muddi mit Lastenfahrrad mit Kind drin. Fahrradwege sind eigentlich zu schmal zum Überholen. Manchmal schaffen es nicht alle in der Grün-Phase. Die letzten sind also noch bei grün los, und eiern dann zwischen hupenden Autos aus den kreuzenden Spuren durch, die inzwischen grün haben, weil die Ampelschaltungen auf 50km/h ausgelegt sind, nicht auf 15. Funktioniert komplett nicht.
Darauf wollte ich ja viel eher hinaus - wer Verkehrswende will, erreicht das nicht nur durchs Abschaffen und Verteuern von Parkplätzen. Die Alternative muss, wenn schon weniger komfortabel, wenigstens sicher und verlässlich sein, im Rahmen der Möglichkeiten. In Hamburg klappt das überhaupt nicht, weil es genaugenommen gar keine Alternative gibt.
Für die "Landbevölkerung" unter Euch, die so ein grosses Gefälle in der Infrastruktur zwischen Land und Stadt sieht:
Für mich/uns ist die Konstruktion in den letzten Jahren: Kleine Wohnung in Ottensen mit 10 Minuten Arbeitsweg zu Fuss für mich, kein Auto. Haus auf dem Land, in dem ich an Wochenenden bin. Durch 4-Tage-Woche geht das. Pübbi ist im Vertrieb und hat ne Firmenkarre, und ist eh viel unterwegs.
Mein Arbeitsweg vom Haus ist eigentlich nur 17km. Aber - der Elbtunnel ist dazwischen. Auto kaufen und täglich fahren ist also keine Option, besonders nicht für die nächsten 3-4 Jahre - Hamburger wissen um die Baustelle nach dem Tunnel (der berühmte Deckel). 10km Stau sind Standard, Fahrzeit nicht kalkulierbar. Gleitzeit geht bei uns nicht.
Ihr nächstes Auto (grade bestellt) wird ein Hybrid. Auf unserem Grundstück "auf dem Land" können wir nicht parken. 2km vom Haus entfernt gibts eine E-Tankstelle mit 3 Plätzen. Mal sehen, wie lange man da abends noch einen Platz bekommt.
In Ottensen? Unmöglich. Und mir fehlt völlig die Phantasie, wie die täglich 300.000 Pendler (!!!) in der Stadt mit einer Lade-Infrastruktur versorgt werden sollen. In meiner Umgebung ist inzwischen Anwohner-Parken. Sie kann mich also nicht mehr ohne ticket über Nacht besuchen. 3 Stunden 6,50, wenn sie nen Parkplatz findet. Länger darf man nicht. Anwohner-Ausweis bekommt sie nicht, weil sie hier nicht gemeldet ist, und das Auto in Süddeutschland zugelassen.
Dass sie mit dem Auto in die Stadt kommt, wird also "verunmöglicht", selbst wenn es ein Hybrid ist. Der Nahverkehr ist wesentlich zu unzuverlässig, dreckig, langsam und überfüllt (besonders in den letzten 2 Corona-Jahren ist das wirklich abtörnend) um eine Alternative zu sein. Von Tür zu Tür sind es 1:30h plus Unzuverlässigkeit.
Fazit? Ich suche nen job südlich der Elbe, um die Bude hier aufgeben zu können. Ist auch aus anderen Gründen ok. Kann aber eigentlich auch nicht gut sein, wenn in einer Stadt wie Hamburg die Berufswahl dem Verkehrskollaps untergeordnet werden muss. Weder fürs Individuum, noch für die Volkswirtschaft.
Vielleicht kann man das nur lösen, wenn man die Idee von Bundesländern, die untereinander um Steuergelder konkurrieren, auflöst. Dieses extreme Verdichten von Städten, die auf 500 Jahre alten Strukturen beruhen, ist mehr als ausgereizt. Hamburg hat keine Flächen, keinen Platz für Verkehrswege (egal welcher Art), und die Anzahl der Einwohner und Berufspendler wächst trotzdem stetig.
E-, Hybrid- oder Wasserstoff-antrieb ändern daran einfach mal gar nichts. Das ist einfach nicht der Kern des Problems.
Dass man dieses Gemenge nicht in eine wahlkampftaugliche Parole giessen kann, kann ich schon verstehen. Hätte ich auch keine gute Idee dazu, für die nächsten 50 Jahre.