"Jedem das Seine" ist eigentlich ein sehr wertvoller Satz aus der Philosophie- und Rechtsgeschichte, der, glaub ich von Plato zum ersten Mal gefasst wurde und im römischen Recht, das auch Grundlage unseres geltenden Rechts ist als "suum cuique" seinen festen Platz hat. Es bedeutet, dass jeder das Recht hat, das ihm zustehende Gut zu erhalten. Klingt ein bissel banal, ist aber ein wichtiger Grundsatz der Verteilungsgerechtigkeit, zum Beispiel bei der Diskussion um gerechten Lohn. (Ähnlich banal und wichtig wie: "pacta sunt servanda" - Verträge sind einzuhalten.) Es gibt auch eine Tradition, die suum cuique weniger aus der Anspruchssicht, sondern eher aus der Bedarfssicht betrachtet. Da ginge es also so: Jedem steht das zu, was er (zum Leben) braucht. Und schon ist man mitten in unserem Sozialstaat.
"Jedem das Seine" bedeutet also auch nicht, wie es heute oft fälschlich eingesetzt wird: "Jedem Tierle sein Plaisierle" oder "Geschmacksache", oder "Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden"! Es geht nicht um subjektive Befindlichkeiten, sondern um einen objektiven Rechtsanspruch.
Dass das nationalsozialistische Lumpenpack den Satz über die Tore ihrer KZs gesetzt hat, ist an Zynismus nicht zu übertreffen. Es verkehrt den Satz aufs perfideste in sein Gegenteil um und sagt: "Jeder, der im KZ verreckt bekommt das, was er verdient."
Und mich ärgert, dass ein guter menschenfreundlicher, Sicherheit gebender Satz nach 3000 Jahren durch 12 Jahre kollektiven Wahnsinn unbrauchbar gemacht werden soll. Diese Ehre sollte man Nazis aller Zeiten nicht geben. Ich verwende den Satz daher gerne wie er gemeint war - allerdings oft in Latein. Da hat er weniger Flecken.