@PX-FL-HH
Geht ja nicht darum, stoisch und unkritisch die Linie oder die Inhalte der Regierung zu verteidigen, auch wenn der Eindruck nachvollziehbar ist.
Der Vorteil und der Nachteil bei mir ist, dass ich die deutsche Situation aus der Distanz betrachten kann, ohne sie zu leben. Daraus ergibt sich, hoffentlich, aber auch eine abgeklärtere und objektivere Sicht, empathisch, aber nicht emotional eingebunden. Fazit bis jetzt: Einige wissen nicht einzuschätzen, wie gut sie es (bei aller Not) noch haben und welche Gefahren lauern. Zur Erklärung:
Es ist doch einfach so, dass es gerade in Zeiten grosser Unsicherheit wichtig ist, die Situation für alle möglichst übersichtlich zu gestalten und eine klare Linie zu verfolgen. Eine solche Vorgabe kann im Moment nur von den Wenigen an die Vielen ausgehen. Orientierung und einheitliche Führung sind wesentlich, um der Gesellschaft (und damit in Folge dem Einzelnen) Anleitung und Perspektive zu bieten.
Bis hierhin hätten Mussolini und Stalin das bestimmt genauso gesehen und auch der Orbàn nutzt die Krise unverfroren zum absoluten Ausbau seiner Macht aus.
Umso wichtiger ist das Vertrauen in die gegenwärtige deutsche Führung. Von sehr grossem moralischen Wert ist hierbei die Erkenntnis, dass nach rein wissenschaftlichen Aspekten, verständlich, nachvollziehbar und transparent Strategien gefunden werden, die mit Pseudo-Wissenschaft offensichtlich nicht zu torpedieren sind.
Ganz einfach deshalb, weil sich jeder, zumindest theoretisch und mit entsprechendem Aufwand, in die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen (die den jeweiligen Regierungsbeschlüssen zugrunde liegen), einarbeiten könnte um so die Beweisführung der Thesen zu überprüfen. Hat natürlich keiner die Zeit für, deshalb übernimmt die seriöse Presse diese Katalyse mit Bezug auf die Fachpresse.
Den ethischen Anforderungen entsprechend gibt die freie Presse dabei auch Leuten mit konträren Meinungen (viel) Raum, einfach, um informativ ein möglichst ganzheitliches Bild darzustellen. Viel zu viele greifen m.M.n. in der gegewärtigen Lage umstrittene Aspekte willig oder sogar blind auf, oft aus reiner Selbstbestätigung. Anstatt die teils sehr halbgare Sicht der Dinge als Strategie der Selbstpromotion, Wichtigtuerei, in manchen Fällen auch Scharlatanerie, zu erkennen, die einer näheren Betrachtung einfach nicht stand hält.
Interviews wie die mit Baghdi folgen hierbei oft anderen Regeln als gute Artikel. Im Interview geht es prinzipiell um Meinung, in guten Artikeln prinzipiell um Aufklärung (Leitartikel und Gastbeiträge einmal ausgenommen). In beiden Fällen, Interviews und Artikel, kommt es auch auf die Fragen des Journalisten an, aber Artikel geben allgemein ganz andere Möglichkeiten zur Objektivität. Interviews sind informeller, einseitiger und generell subjektiver. Ihre Funktion liegt in der Beförderung des gesellschaftlichen Diskurs. Baghdis Interviews haben also (nachweislich...) hiermit ihren Zweck erfüllt, wir reden drüber. Ebenso wie der zitierte Artikel auf SWR3, auch er hat seine (andere) Funktion erfüllt.
Zurück zur Führung: natürlich gibt die Bundeskanzlerin (als mächtigste Person im Land mit starker Symbolkraft) im Moment gerade auch menschlich für viele eine fabelhafte Figur ab (wie nebenbei übrigens die meisten Frauen, die z.Zt. Staaten lenken. z.B. Island, Neuseeland, Norwegen, etc.). Frau Merkel bewegt sich ruhig und sicher, einfach durch ihr Naturell, ihre naturwissenschaftlich-analytischen Vorkenntnisse, ihre Fähigkeit, die Gedanken anderer in ihre eigenen einzubeziehen, und einer gehörigen Portion Integrität (die Frau weiss, wer sie ist).
Für mich der wichtigste Aspekt: es geht eben nicht darum, die Menschen zu entmachten. Es geht darum, sie durch erlebte Kontrolle der jeweils eigenen Situation nach Möglichkeit (!) psychologisch zu ERmächtigen. Die Botschaft: Dafür, dass es scheisse ist, läuft's (nachweislich) ganz gut. So kann man sich dann auch mal auf anderes konzentrieren oder einfach etwas entspannen.
Und wer sie nun gar nicht mag, kann sich trösten: Die Briten haben Churchill '40, '41, '42, '43, '44 zu Füssen gelegen. '45 haben sie ihn abgewählt. Alles hat seine Zeit. Und auch ihr Abgang beizeiten ist ja schon beschlossen. Aber noch ist es so, wie es ist. Und da ist sie im Moment eben, als mächtige Symbolfigur, für sehr viele "alternativlos".
Deutlich überzogene Kritik an der Regierung ist in der momentanen Situation dagegen ein Spiel mit dem Feuer: Niemand (ausser ganz rechts-aussen) kann sich jetzt ein Weimar 1930 (mit dem Bruch der damaligen Grossen Koalition inmitten der frisch eingeschlagenen Welt-Wirtschaftskrise als Anfang vom Ende der damaligen Republik) wünschen. Damals sind die Vernunft-Republikaner (egal, welche politische Ausrichtung) mituntergegangen. Ab 2020 sind die Vernunft-Bürger gefragt. Sieht (von hier) gerade trotz allem sehr gut aus.