Mit 15, als Nena noch Haare unter den Achseln hatte und zur Neuen Deutsche Welle zählte, die seinerzeit wie ein Tsunami übers Volk kam, besaß ich ein Fahrrad aus Stahl (!) mit einer Torpedo-3-Gang-Schaltung.
Stört Euch nicht an den Begrifflichkeiten, Ihr sehr veehrten Leser oder "follower" aus der Zeit der "krassen Social Media", die Euch fremd und veraltet vorkommen mögen, was auch zutreffend ist.
Sehnsüchtig schielte ich seinerzeit nach einem Mofa, was es mir ermöglicht hätte, die 6 km zu einem Gymnasium in der nächsten Kleinstadt am Rande des Schwarzwaldes leichter zu absolvieren und damit dann in der kleinen Gruppe der Zigarette rauchenden Outlaws noch weiter aufzusteigen.
Da weder Ferienjobs (das waren sklavenartige Tätigkeiten die man in den sog. "Großen Ferien" annahm, um sich für einen Hungerlohn in einer längst vergessenen Währung sechs Wochen lang den Arsch aufzureißen) noch Fronarbeiten bei den Eltern das Taschengeld derart aufzubessern in der Lage waren, als dass ich mir so ein Mofa hätte leisten können, lehnte wie durch ein Wunder eines Tages ein völlig demoliertes und verbasteltes Mofa in herkules-gelb am Zaun meines Elternhauses.
Es schien so, wie wenn sich jemand dieses Fahrzeugs, nachdem derjenige es buchstäblich zu Schrott und in den Ruin gefahren hatte, einfach durch Eigentumsaufgabe entledigt hatte.
Es war noch diese Zeit, als niemand etwas dabei fand, wenn man seine gefüllten Altölfässer oder nicht mehr zu gebrauchenden Hausratartikel, nicht bei ebay-Kleinanzeigen entsorgte, sondern im städtischen Forst oder dort, wo diese einem aus der Hand fielen.
Nicht dass man sich diese Zeit in dieser Beziehung heute zurück wünschen würde, aber es bescherte mir das heißbegehrte Mofa.
Ich zerrte das leicht angerostete Ding, aus dem ein Kabelsalat heraus hing, mit viel Mühe in den elterlichen Schuppen und malte mir aus, wie ich das Mofa mit Hilfe meiner fiesesten Kumpels wieder zum Laufen bringen könnte.
Die Freude über den Fund war riesengroß und relativierte die Sorge über die am nächsten Tag anstehende Mathe-Klausur immens, auch wenn ich notentechnisch im laufenden Schuljahr zwischen Note 4 und 5 - wie auch in Chemie - stand, und wie üblich nicht gelernt hatte.
Am nächsten Tag versaute ich gekonnt die Mathe-Klausur und war in der Lage das Ergebnis mit 100%iger Verlässlichkeit vorherzusagen.
Als ich nachmittags wieder zu Hause angekommen war, wollte ich sofort im Schuppen meinen Fund weiter genießen. Kaum hatte ich die Schuppentür aufgerissen, blickte ich auf Spaten, Schaufeln und eine Schubkarre, aber nicht auf MEIN Mofa. Wie sich später herausstellte, hatte mein Vater, der nichts davon hielt, dass sein Sohn motorisiert und noch dazu mit so einem Schrotthaufen, der ihm gar nicht gehörte und den jemand sicherlich nur versehentlich bei uns am Zaun VERGESSEN hatte (na klar), herum fahren sollte, als treusorgender Bürger die Polizei informiert. Die Beamten hatten das Gefährt sichergestellt und gleichzeitig mein Vater auf die Frage "Wollen Sie, falls sich niemand als Eigentümer ausfindig machen lässt, Anspruch auf das Mofa erheben, mit "Auf gar keinen Fall" geantwortet. Hinzu kam einige Tage später die Note 5- in besagter Matheklausur.
Diese Begebenheit (die Sache mit dem Mofa, nicht die Matheklausur!) führte in der Folge bei mir zu einer posttraumatischen Belastungsstörung, die bis 1998 andauerte und mein Leben in Höhen aber auch in Tiefen beförderte.
1998 wachte ich eines Morgens auf und mir war sofort klar, dass ich eine Vespa haben müsste und zwar eine Vespa Rally. Ich kaufte aus dem Stand eine Rally aus Italien, restaurierte so weit ich konnte und mit fremder Hilfe die Vespa, machte nun endlich und nur für die Rally den Motorradführerschein und bin seitdem ein vollkommen anderer Mensch.
Das was mein Vater seinerzeit hatte zu verhindern versucht, lebe ich nun heute umso mehr aus und kann mir niemals vorstellen, dass diese Leidenschaft eines Tages keine Bedeutung mehr für mich haben kann.
Herzlichen Glückwunsch zum 75.