Das Beispiel aus den 1890er Jahren hab ich glaub ich schon mal gebracht, oder?
Die Beschreibung "Ein paar wären krank geworden, der ein oder andere gestorben" triffts nicht so ganz.
Ich hab da mal so nen Brief ausgegraben, den ein Hamburger im Cholera-Ausbruch an meinen Ururgroßvater geschrieben hat. Wir haben das mal übersetzen lassen. Ist zumindest zeitgeschichtlich und vom damaligen Umgang damit ganz interessant.
Die Übersetzung lautet:
Hamburg 27. Sept. 1892
Mein lieber Herr Hoffmann.
Ja, es war garnicht sehr schön hier in unserem
schönen Hamburg. Ich hätte Ihnen schon lange einmal
geschrieben, aber ich fürchtete, Sie hielten mich für cho-
leraverdächtig, und bekämen deshalb einen Schrecken
durch meinen Brief. Mir geht es aber unberufen ganz
gut.
Grevering hat mir gestern geschrieben, er wolle mich
verklagen, worauf ich ihm geantwortet habe, er möge
es nur thun, die Folgen für ihn würden aber sehr
unangenehm sein. Der Schuft ist gerade so blödsinnig
wie der Magistrat von Theterow i./ Meckl. Mit einem
solchen Burschen processirt man doch nicht, den übergibt
man einfach der Staatsanwaltschaft. Mein Schwiegervater
(einen Schwiegervater habe ich, aber keine Braut) sagt,
G. sei sicher vor der Cholera, denn er sei ein Schweine-
hund, und Hunde bekämen die Krankheit nicht. Lassen
wir den Lumpen laufen, er stirbt doch in Kurzem
an Delirium tremens.
Altona ist jetzt seuchenfrei erklärt, und dabei ster-
ben dort verhältnismäßig mehr Leute, als hier. Die
Statistik ist großartig, sie erzählt von etwa 7000 Cho-
leratodten, dabei sind nach den Friedhofsregistern
mindestens 12000 Menschen an dieser Krankheit ge-
storben. Ende August & Anfang September war es
geradezu grauenhaft, jeden Tag fast 1000 Todte, die
in dem früheren Excercierschuppen vor dem Holstenthor
zu 4 und 5 übereinander der Beerdigung harrten.
Sie wurden in großen Mobilienwagen, die 50 – 60
Leichen enthielten, in unbehobelten, eichen, unbemalten
Nasenquetschern[1], manchmal auch bloss in Laken ein-
gehüllt, nach Ohlsdorf spedirt, wo eine ganze Armee
mit Grab graben beschäftigt war. Die Krankenwagen &
Droschken, die der Staat angekauft hatte, und aus
denen alles Zeug herausgerissen war, fuhren mit ...
Pferden bespannt, und mit 2 Krankenträgern be-
setzt, überall umher, und sammelten die Kranken
ein, die natürlich schon größtentheils auf dem Weg
nach dem Krankenhause starben.
In vielen Fällen haben die Leute selbst Schuld an
ihrem Tode gehabt. Ein mir bekannter Wirth, Pinge (?)
bekam am 9. Sept. Morgens 4 Uhr einen starken
Anfall. Um 6 öffnete er seine Hausthür, um die
Gesundheitscommission, die in seiner Kegelbahn
tagte, herein zu lassen. Um 9 lag er zu Bett, allein
seine Frau hatte noch keinen Arzt holen lassen,
weil es solch Aufsehen erregen würde, wie sie sagte.
Um 11 war der Arzt schon dreimal dagewesen,
es war ihm auch gelungen, P. zum Schwitzen zu
bringen, da er indessen unglücklicher Weise das
Bett voll gemacht hatte, so mußte er umgebettet
werden, er konnte nicht wieder warm werden
und war in 3 Stunden todt. – Ein Maler, Ande....
bekam Sonnabend Abend einen Anfall im Bett.
Statt dies seinem Logisgeber zu sagen, warf er
am Sonntag Morgen die beschmutzte Betteinlage
unter die Bettstelle, ging aus, trank 7 Glas Bier
auf nüchternen Magen und war in 2 Stunden
eine Leiche.
Daß auch allerlei drollige Geschichten passieren,
ist selbstverständlich. Ich will Ihnen nur zwei er-
zählen, die thatsächlich wahr sind. Am Sonntag vor
8 Tagen ging das Mädchen eines auf der Uhlenhorst
wohnenden Kaufmanns mit ihrem so gen. Bräutigam
aus. Da jetzt keine Tanzmusik ist, so gingen sie in
ein Concert & tranken viel Bier, zu viel Bier. Am
andern Morgen sieht die Frau des Kaufmanns,
daß das Mädchen sich am Handstein übergibt &
meint natürlich, daß das Mädchen cholerakrank
sei. Sie telephoniert deshalb an ihren Mann nach
dessen Comptoir[2] in der Stadt, er möge den Haus-
knecht sofort zum Arzt schicken. Dem Mann paßte
dies indessen nicht, er schickt lieber gleich einen
Krankenwagen. Als dieser ankommt, glaubt
die Frau, ihr Mann sei krank geworden, und
fällt in Ohnmacht. Das Dienstmädchen, dem außer
einem Mordskater nichts fehlt, schickt die Kranken-
träger zu ihrer Madame, und da diese ohn-
mächtig gefunden wird, halten die Träger sie
für krank, und packen sie in den Wagen. Als
der Herr Nachmittags zu Hause kommt, wundert
er sich, das Dienstmädchen springlebendig zu finden
und bekommt einen Heidenschreck, als er hört, seine
Frau sei abgeholt worden. Nach 5 Stunden Um-
herlaufens gelang es ihm endlich, sie gesund
wieder zu kriegen. – Ein Leichenfuhrmann fuhr
Sonnabend mit seinem Mobilienwagen von St.
Georg mit 7 Leichen nach dem Holstenthor, um hier
den Wagen voll machen zu lassen. Dort ange-
kommen, spannt er seine Pferde aus, um sie
zu füttern. Er kommt nach einiger Zeit wieder,
inzwischen ist der Wagen gefüllt, er fährt ab, als
er aber in Ohledorf ankommt, seine Papiere ab-
geliefert hat, und der Wagen geöffnet wird, ist
nicht eine einzige Leiche darin. Der Fuhrmann
hatte seine Pferde vor einen verkehrten Wagen
gespannt, und mußte deshalb den langen Weg
noch einmal machen.
Ich könnte Ihnen noch ein Dutzend solcher Ge-
schichten erzählen, will es aber für heute damit
bewenden lassen.
Ich hoffe, daß Sie sich wohl fühlen, ich bald Ihre
Verlobungsanzeige bekomme, und Sie überhaupt
recht bald von sich hören lassen.
Freundsch. Gruß
sendet Ihr
C. E.
[1] Sarg mit flachem Deckel
[2] Handelskontor, Büro