Von mir aber nicht, oder?
Mein Job IST ruhig und langweilig.
Ich glaube du hast einfach keine Vorstellung wie wenig Ruhe und Langeweile ich vorher kannte.
Da sind vielleicht die gelegentlichen Anekdoten auch der falsche Maßstab für gewesen.
Ganz viele Geschichten die früher alltäglich waren sind einfach nicht "erzählfähig" gewesen.
Glaube mir, ein Mensch der in der Geschlossenen arbeitet hat ganz andere Dinge mit anderer Häufigkeit zu erzählen.
Ich weiß, liest sich komisch, aber 95% meiner Zeit sitze ich im Büro, mache Dienstpläne, Besprechungen, Konzepte und den üblichen Mist.
Von daher war dein Eindruck schon richtig.
Ich gehe halt dann mit raus wenn es qualmt oder bei Sonderveranstaltungen.
Und das ist wirklich überschaubar.
Ich bin ein Freund davon den Leuten am Beispiel zu zeigen wie ich es gerne hätte.
Damit nicht der Eindruck entsteht ich erwürfle Anweisungen vom grünen Tisch aus und verliere den Bezug zur Realität.
Das führt dann natürlich dazu, das in vielen Fällen das Heft in meiner Hand liegt, weil wir ja nicht nur top qualifiziertes Personal haben, um es mal vorsichtig auszudrücken.
Und ganz ehrlich, ein so ein Ding im Monat ist echt sehr ruhig.
Ich bin schon ziemlich eingerostet was höhere Intensitäten angeht.
Für dich Biff:
Zu dem Messerangriff: morgens um sechs, kaum einer da, Personal krank.
Stockedüster weil Herbst.
Also alleine irgendwohin gelaufen, ein Tor öffnen und eine elektronische Anlage hochfahren.
Dafür muss man entweder um das Objekt herumlaufen, oder kürzt über einen Technikzugang ab.
Dafür muss man halt einen dreckigen Wartungseingang nutzen, am Ende einer Wendeltreppe.
Und da liegt dann morgens bei 2° ein Kerl in dreckigen Klamotten herum.
Um ihn Alufolie mit Brandspuren und ne leere Pulle Vodka.
Also kurz Handschuhe an, gucken ob der noch atmet, Pupillen checken mit der kleinen (aber sehr hellen) Taschenlampe.
Reaktion noch da, aber verzögert, Puls auch.
Drehe ihn auf die Seite.
Krätze an Händen und Hals, Im Gesicht ebenfalls Spuren.
Dazu offene, eitrige Wunde am Auge.
Mutmasslich stumpfes Trauma unversorgt, einige Tage alt.
Na herrlich.
Ich erledige erstmal meinen Auftrag, mache Meldung, sage wo ich bin und was Phase ist.
Dann wissen die Kollegen schonmal wo ich bin und das es dauert, stellen keine Fragen wenn ich einen RTW bestelle.
Nochmal zu dem Typ, versuche heraus zu finden ob er Hilfe braucht (oder überhaupt will) oder ob er sich (wie fast immer bei Drogenkonsumenten) sich lieber aus dem Staub macht sobald er klar kommt.
Man arbeitet ja mit dem Klientel öfter.
Als ich da wieder aus dem Wartungsschacht heraus komme, ist etwas mehr Leben in ihm drin.
Ich spreche den wieder an, helfe ihm auf, habe natürlich schon die Handschuhe an.
Er macht den Desorientierten, möchte keine Hilfe, wirbelt mit den Armen herum.
Ich mache den Schritt zurück (und damit runter von der Treppe), nehme die Hände deeskalierend hoch und erkläre ihm das er entweder einfach geht oder mit mir redet, gäbe keinen Grund sich aufzuregen.
Typ regt sich aber auf.
Taschenlampe leuchte nach unten, auf seine Beine.
Problem eins: ich verstehe kein Wort. Quasselt Ostblocksprech.
Problem zwei: ich stecke in der Falle, Anfängerfehler.
Hinter mir ist eine Tür aus Stahl, mit B90 Feuerfestigkeit, nach außen aufgeht und einen Knauf hat.
Also müsste ich mich umdrehen und mit dem Schlüssel die Tür auffummeln um mir einen Fluchtweg zu eröffnen.
Vor mir, auf einer schmalen Stahlwendeltreppe steht der schimpfende Ochse aus dem Ostblock.
Jetzt, wo er sich zu voller Größe auffaltet, ist der auch garnicht so klein.
Problem drei: Handschuhe an, Schlüssel in der Hosentasche, Funkgerät am Rücken.
Ach herrlich du Arschloch, der Typ ist leider unkalkulierbar und du machst dir jetzt weder die Hände voll, noch drehst du dich weg um die Tür zu öffnen.
Du bleibst auf Empfang und gespannt wie ein Flitzebogen.
Kacke, Routine blendet.
Hundert Mal habe ich irgendwelche Säufer, Fixer, Blechraucher und sonstige Wracks aus irgendwelchen Löchern entsorgt.
Nur wenige waren aggro, noch keiner hat sich nicht beruhigen lassen.
Daher habe ich aus der Routine die falsche Entscheidung getroffen und mich nicht von oben genähert.
War mir zu unbequem einmal um die Bude zu laufen.
Ferner: keine Verstärkung, kein Sicherer.
Keine Kontrolle oder Hilfsmaßnahme macht man (wenn man es gelernt hat) ohne Sicherer.
Tja schade, wir sind hier in keinem professionellen Team und der Typ, der am anderen Ende der Stadt mit dem Auto steht, könnte mir jetzt auch nicht helfen wenn ich auf den Funkknopf drücke und die Situation erkläre.
Jedenfalls nicht zeitnah.
Ich erkläre dem Typ also das ich ihm nur helfen will.
Ich erkläre ihm das er einfach gehen kann, niemand hält ihn auf.
Ich verhalte mich auch körpersprachlich deeskalierend.
Versuche mich unauffällig auszurichten.
Er macht auf der untersten Treppenstufe den Fürbittensprecher.
Er redet und redet und redet, mit stetig eskalierendem Ton, immer aggressiver und labert was auch immer.
Kurwa verstehe ich zwischendurch.
Kurze Inventur: 1,80m bis 1,82 groß, athletisch, Kanisterkopf (nicht despektierlich, sondern anatomisch...).
Starker Knochenbau, ansonsten eher zäh wie Leder, ziemlich hart drauf und eher fies weil offene Krätze sichtbar.
Pupillen aktuell auf Stecknadelgröße (es ist duster hier, sehr im Gegensatz zu meiner Taschenlampe), er fängt an zu geifern in seiner Rede.
Er macht die typische Abmurksbewegung mit dem Finger, den man über den Hals zieht.
Er hält inne, dreht sich langsam weg und lässt die Hände ich beide Taschen seiner Jacke gleiten.
M65 Parka übrigens, ziemlich runtergeritten.
In dem Momente wo ich kurz die Hoffnung hatte, die Nummer verraucht einfach, macht er den Zug.
Er hatte sich weggedreht und über seine Schulter hinweg weiter gelabert.
Pöltzlich dreht er sich mit Schwung um und schneidet mit einem Butterfly in der rechten Hand einmal vor mir durch die Luft.
Na Hallelujah, das ist der Moment wo zwei Dinge in dir passieren: einmal die Adrenalinausschüttung (das berühmte "heiße" Gefühl im Bauch kurz bevor sich deine Welt auf den Kopf stellt) und deine Einstellung ändert sich.
Bis zu der Sekunde wo mein Kleinhirn die Urangst "Blanke Klinge" durch den ganzen Körper zucken lässt (was für mich persönlich schlimmer ist als in eine Mündung zu schauen) war ich noch nervös aber eingestellt auf "nerviges Palaver und am Ende geht er doch".
Jetzt ist alles anders.
Schreibt sich einfach, in Wirklichkeit ist das natürlich ein Bruchteil einer Sekunde.
Jetzt heißt es einfach nur noch er oder ich.
Und er hat die besseren Karten.
Die Taschenlampe blendet ihn kurz, aber ich habe lieber die Hände frei, also fällt sie und blendet unkontrolliert.
Er macht den Schritt von der Treppenstufe runter, schwingt wieder das Messer noch einmal im Halbkreis um die Luft zu teilen, leider stehe ich innerhalb seiner Distanz.
Ich versuche das Messer zu greifen, es rutscht aber durch den Handschuh.
Das erste Mal fängt das Material.
Er wird wütender, macht aber (ein Glück) einfach so weiter.
Er brüllt übrigens dabei die ganze Zeit was.
Ich wahrscheinlich auch, weiß man nachher nicht so genau.
Beim zweiten Versuch schnappe ich die Klinge.
Ich versuche sie mit beiden Händen zu umklammern und schneide mir dabei ins eigene Fleisch.
Merke ich erst viel später.
Ich versuche sie ihm aus der Hand zu drehen/biegen/hebeln, er versucht sie frei zu reißen.
Mich trifft ein Schlag am Schädel, seitlich.
Ich breche das Ding über.
Nein, später zeigt sich das die Klinge dem Stand hielt.
Beim Balisong sind die Anbindungspunkte an die Griffschalen die Schwachstelle, das hat hier auch aufgegeben.
Ein Glück, die Griffschalen sind gelocht und billiges Material.
Wahrscheinlich für 15 Euro irgendwo abgestaubt.
Seiner Waffe beraubt ist er einen kurzen Moment irritiert, bis ihn mein Cross auf die Schläfe trifft.
Dann läuft das Programm wieder.
Er schleudert mir die Griffschalen ins Gesicht und flüchtet.
Ich hinterher.
Um den Rest abzukürzen: ich habe ihn nie bekommen.
Selbst mit Nahbereichsfahndung und sicher 6 der örtlichen Polizeiwagen (ich habe im Rennen gefunkt zur Zentrale, die dann Meldung macht) haben wir den nie bekommen.
Es gibt Videomaterial dazu, nein, kann man nicht mal gucken.
Die Fahndung war (wie meist) ohne Erfolg.
War halt auf der "Durchreise" und keiner der bekannten Gesichter.
Messer und Griffschalen wurden sicher gestellt, Fingerabdrücke noch nicht im System.
Ich habe neue Handschuhe bekommen und war nach der Vernehmung, den Fotos die ich gucken sollte aus dem Katalog und einem Stop am REWE für mein verpasstes Frühstück um 10:00 Uhr wieder im Dienst.
Nee, das ist kein Versuch hier irgendwie einen zu erzählen.
Das, was den einen oder anderen vielleicht ein bißchen verstört ist für viele Kollegen das Horrorszenario aber leider kein Einzelfall mehr auf deutschen Straßen.
Ich glaube auch das ich ganz viel Glück hatte.
Hätte der Typ da gewusst was er tut, hätte ich sehr, sehr schlechte Chancen gehabt.
Man sticht mit einem Messer, einfach so lange bis man nicht mehr kann.
In der Regel ist der andere dann tot oder schwerstverletzt...
Wer mit einem Messer schneidet muss es schon sehr gezielt machen für einen Effekt.
Ich will nicht ins Detail gehen, aber hätte er gewusst wer er tut, wäre ich da wohl liegen geblieben.
Egal.
Ich bin jedenfalls froh aus dem Regeldienst raus zu sein und "meist" nur im Büro zu hocken.
Das ändet aber ja nichts daran dass das für 19 andere Kollegen täglich wieder der Fall sein könnte...
Wobei man ehrlich sein muss, die meisten wären da ohnehin nicht lang, weil dunkel und bekannt aus Drogenkonsumecke.
Und da hier durchaus öfter mal das Telefon geht, wo solches Problemklientel Thema ist, gehe ich dann mit wenn ich da bin.
Und dann jetzt nochmal ja, das ist sehr, sehr ruhig im Vergleich zu den 15 Jahren vorher "draußen".