Vorgeschichte: Ich hatte letztes Wochenende meinen Einser geliefert. Kolben sah aus wie Hund und der Zylinder wies spektakuläre Krater auf. Meine Werkstatt-Genossen, denen ich die geschändeten Teile unter die Nasen hielt, bedachten mich mit mitleidigen Blicken. Ein Beratungsgespräch beim zur Werkstatt gehörenden Händler ergab: Kolben: 115,- Euro Beschichten in Engeland: ca. 180 Euro, vielleicht auch Pfund. Kolbenringe (aus Platin): 35 Euro Ich wurde blass. Ach ja und dann gäbe es ja im Norden von Stuttgart noch den Kolben-Gott... Kolben-Gott? Das ist genau der richtige Mann für mich - dachte ich. Ich rief den Kolben-Gott auf seinem Telefon an. Einer seiner Engel nahm ab. Ich solle den Kolben, den Zylinder und auch den Kolbenbolzen antragen, man würde sich die Sache mal anschauen, flötete der Engel. Ich stopfte die geschändeten Teile in meinen Rucksack, trat beherzt den Kickstarter und gaste an. Nach etwa 30 Minuten Martyrium durch den Feierabend-Gau der Spätzle-Metropole erreichte ich den Hof des Kolben-Gottes. ER stand vor seinem Tempel und musterte mich. Ich wünsche dem Kolben-Gott einen schönen guten Tag, sagte, ich sei der Professor und erzählte kleinlaut etwas von 'Lambretta-Kolben' und 'hat geklemmt'. ER hies mich, IHM in SEIN Heiligtum zu folgen. Dies erwies sich als schwierig, denn es standen schon zwei weitere Gesellen dort, um IHM zu huldigen. Damit war SEIN winziges Heiligtum bereits völlig überfüllt. Der Kolben-Gott nahm mir das Corpus Delicti aus den Händen und stapfte damit zu einer altertümlichen Aperatur in einer Ecke des Heiligtums. Ich folgte IHM zögernd. Während der Gott die Aparatur betätigte, berichtete ER von allenmöglichen Kolben, die ER bereits in SEINEN Händen gehalten hätte. Mein Kolben wurde in eine weitere Aparatur geschnallt. Ob ich denn schon Kolbenringe hätte. Ich verneinte und verwies auf meinen ehrenwerten Teilehändler und erwähnte die 35 Euro. Ob der Kerl denn Jude sei, wollte der Kolben-Gott wissen. Das sei ja Wucher. Ich verneinte beides. Der Kolben-Gott murmelte weiter in breitestem Schwäbisch, das jedem Neckartäler zur Ehre gereicht hätte. Er faselte vom Daimler, von der Immobilienkrise in den USA, von der Inflation und von Gewerkschaften, die die Quelle allen Übels auf der Welt seinen. Ich versuchte, mich auf das Geschehen an meinem Kolben zu konzentrieren. Es ging nicht. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass meinen Kolben jetzt schmucke Öl-Rinnen zierten. Zu meinem Glück schien die Gottheit nicht auf Antworten meinerseits zu warten. Ungebremst ging es weiter. Diesmal waren die Banken an allem Schuld und die Banken, das wisse man ja, da wären auch Juden zugange. Mann sei ja kein Nazi und auch nie einer gewesen, aber trotzdem. Der Kolben-Gott fragte mich erneut nach meinem Namen. Ich wiederholte, ich sei der Professor. Was ich denn beruflich täte? Ich antwortete wahrheitgemäß, ich arbeitete mit Flugzeugen. Flugzeuge, antwortete der Kolben-Gott, kenne er. Er habe schon Kolben für die Me-109 gebaut. Mit wurde schwindelig. Der Kolben-Gott schickte seinen Engel in den Keller. Er solle zwei siebzich mal eins Kolbenringe holen. Der Engel kehrte mit dem Gewünschten zurück. Der Zylinder wurde von innen entgratet, er sei ja noch gut. Der Kolben aufgerieben, so dass der Bolzen nicht mehr mit dem großen Hammer eingeführt werden muss und ich bekam noch einen Vortrag über die Wichtigkeit des Laufspiels in Nadellagern. Dann war ich fertig. Als Dank für seine Mühe und die zwei Ringe verlangte der Kolben-Gott 25 Euro, die ich bereitwillig zahlte. Ich verabschiedete mich mehrfach, musste versprechen, nächste Woche anzurufen und zu berichten, ob alles täte. Dann rollte ich vom Hof.