Rund um Kupplungen, Kettenführungen etc. wurde schon erfolgreich getüftelt und konstruiert. Der eigentliche Beginn des Lambretta-Antriebsstrangs, das Ruckdämpfer-Ensemble aus Antriebshülse, Sprocket, Sliding dog, Feder, Federteller und Schraube wurde jedoch bisher eher stiefmütterlich behandelt.
Im GSF habe ich nicht viel darüber gefunden. Lediglich madmaex08 hat das Thema einmal angekratzt und überlegt, eine stärkere Feder dafür zu beschaffen. Er erhoffte sich positive Auswirkungen auf die Kupplung. Es ist dann aber schnell wieder eingeschlafen und die Überlegungen sind auch nicht weiter kommentiert und / oder umgesetzt worden.
Nachdem der Bruch einer Sprocket-Schraube auf dem Weg nach Stockach mein technisches lowest low des Jahres 2008 war, hatte ich Anlaß genug, an den langen Winterabenden die Ruckdämpfer-Mimik mal näher in Augenschein zu nehmen.
Meine Überlegungen und Versuche zum und am Ruckdämpfer stelle ich hiermit zur Diskussion.
1. Der Ruckdämpfer-Prüfstand
Als Basis diente eine im Schraubstock eingespannnte, alte Kurbelwelle mit 6305-Lager, Ölwurfscheibe, Antriebshülse, Sprocket (15z), sliding dog, Feder, Federteller und Sprocket-Schraube.
Die Messungen des übertragbaren Drehmomentes erfolgten mit einem Kettenende an einem 0,5 m langen Hebel und einer Federwaage bis 12 kg. Alle aufeinander drehenden und gleitenden Teile wurden für die Messungen gut eingeölt.
2. Ruckdämpfer im original-Zustand
Das Drehmoment steigt sehr schnell an und erreicht ca. 24 Nm, wenn die Rampen von Sprocket und sliding dog aufeinander hochlaufen. Nachdem der sliding dog ca. 7,2 mm hochgelaufen ist, schlägt er hart an den Federteller und kann nicht mehr weiter. Es erfolgt dann ein schlagartiger, nicht mehr abgefedert Drehmomentanstieg. Die von den Rampen erzeugte Axialkraft muß von der Sprocket-Schraube gehalten werden. Die Feder ist dabei noch nicht auf Block.
3. Meine Ansätze zur Optimierung des Ruckdämpfers
3.1. komplettes Durchdrehen
Im Notfall (z.B. Getriebeschaden, Klemmer, Bruch der Kette, Kettenführung?) soll der sliding dog komplett durchdrehen können, um größere Schäden an der Kurbelwelle oder den Bruch der Sprocket-Schraube zu verhindern. Dazu sind ca. 10 mm unbehinderter, axialer Weg des sliding dog erforderlich.
3.2. Drehmoment halten
Im normalen Fahrbetrieb soll das Durchdrehen des Ruckdämpfers natürlich nicht erfolgen, sondern ein möglichst hohes Drehmoment gefedert / gedämpft übertragen werden.
4. Die Ruckdämpfer-Veränderungen
4.1. am sliding dog
Im Ser.1- oder Ser.2-Motoren sind angeblich andere Federn und flachere Federteller als in Ser.3 verbaut. Ich habe keine Ahnung, wie die genau aussehen und ob die Mimik bei den alten Motoren komplett durchdrehen kann. Da mir kein flacher Federteller zur Verfügung stand und der Ser.3-Teller nicht gekürzt werden kann (er würde danach nicht mehr im Keilwellenprofil der Antriebshülse greifen), habe ich statt des Tellers den Ser.3-sliding dog mit der Flex um ca. 3mm gekürzt. Wenn er in der Stellung "Spitz auf Spitz" die kleinen Querlöcher in der Antriebshülse freiläßt, kommt er dem Federteller nicht zu nah.
4.2. an bzw. unter der Feder
Ca. 24Nm (siehe Pkt. 2.) sind wahrlich keine große Nummer. Für die orig. Motorisierung mag es gereicht haben, bei potenteren Treibsätzen kann der unmodifizierte Ruckdämpfer jedoch seine Aufgabe nicht mehr wahrnehmen und muß häufig "auf Anschlag" gehen.
Da keine härtere Feder verfügbar war, habe ich die orig. Feder mit einer Getriebeausgleichsscheibe (paßt p & p) um 2,5 mm auf dem sliding dog unterlegt. Mehr geht nicht - sonst geht die Feder zu früh auf Block.
Trotz Unterfütterung geht die Feder in Stellung "Spitz auf Spitz" gerade eben nicht auf Block.
5. Ruckdämpfer in verändertem Zustand
Das Drehmoment steigt schnell an und erreicht ca. 50 Nm wenn die Rampen von Sprocket und sliding dog aufeinander hochlaufen und der Sliding dog am Ende die Stellung "Spitz auf Spitz" durchläuft.
6. Meine Meinung zum Ergebnis
Forderung 3.1. = komplettes Durchdrehen bei "Notfällen" ist erfüllt.
Ob die 50 Nm mit der unterlegten Feder zur Erfüllung der Forderung 3.2. reichen, oder nicht doch eine härtere Feder nötig ist, wird man sehen.
Ob positive Effekte auf die Kupplung zu erwarten sind (das war der Ansatz von madmaex08) bleibt zu diskutieren. Mir ist die madmaexische Erwartungshaltung dazu noch nicht klar.
7. Test im Fahrbetrieb
erfolgt irgendwann in 2009, wenn der Zweit-Motor mit dem gem. s.o. modifizierten Ruckdämpfer in die Lince gehängt wird.
8. Anmerkungen zu verschiedenen Sprocket-Schrauben
Ich rate von indischen Schrauben (mit loser Beilagscheibe) oder spanischen Schrauben (Gewinde geschnitten / nicht gerollt) ab. Italienische Schrauben und einige von den einschlägigen Händlern sind sehr fein. Aber gebt Obacht bei der Länge! Die Schraube darf nicht länger als 60 mm sein. Sonst sitzt bei manchen Kurbelwellen (z.B: MecEur) die Schraube mit ihrer Spitze eher am Sacklochboden in der Kurbelwelle auf, als daß sie mit ihrem Bund den Federteller bündig zur Antriebshülse zieht. Damit würde der Schraube die Vorspannung fehlen und sie würde sich trotz Loctite irgendwann lösen oder versagen. Die Bemerkung erfolgt nicht ohne Grund - Ich habe schon Schrauben zugeschickt bekommen, die um 2 mm zu lang waren. Bitte nachmessen.
Und nun Feuer frei für Meinungen / Anregungen / Kritik / Verriß.