Es dürfte Sommer 1992/93 und ich Student an der Uni Konstanz gewesen sein. Wie immer war ich knapp bei Kasse, es war gerade vorlesungsfreie Zeit und ich hätte auf Prüfungen lernen sollen und zusätzlich diverse Hausarbeiten schreiben müssen. Aber ich wollte Geld verdienen und ging daher aufs Arbeitsamt (in der Nähe bei meiner damaligen Freundin in Sigmaringen). Dort saß ich aufm Flur, als die Tür aufgerissen wurde und einer in den Gang rief:"Hat jemand Bock auf Müllfahrer." Niemand meldete sich, außer mir, der ich meinen Arm hochriss. Ich solle mitkommen, hieß es. Das Ganze wäre im Kreis Sigamringen/Mengen und ich solle mich bei der privaten Müllfirma xy melden. Ich hin, wurde sofort angestellt und verdiente sensationelle 160,-DM am Tag (und das nahezu steuerfrei, da ich ja Student war). Dazu wurde ich eingekleidet in orange und mit schwarzen Schuhen mit Stahlkappen. Am nächsten Tag morgens um vier traf ich am vereinbarten Parkplatz irgendwo bei Mengen ein. Zwei Müllabfuhrfahrer (einer für den LKW, der andere stand hinten auf dem Treppchen) begrüßten mich mürrisch und fragten:"Häsch scho mol kibbelt?"* Ich:"Nö, aber das werde ich schon schaffen." Wie sich später herausstellte, waren beide glühende Anhänger der Partei der Republikaner und deren damaligen Chef Schönhuber.Ich also nahm den zweiten Platz hinten auf dem Treppchen am Heck des LKWs ein und man zeigte mir zuvor noch zwei Hebel, einer um die Tonne hydraulisch hochzuziehen, der andere, um sie hydraulisch wieder abzulassen. So gings dahin und der Fahrer vorne im LKW gab Vollgas, weil wir wurden nur für 6 Stunden bezahlt und jede Minute die wir länger brauchten, gab keinen Pfennig Geld. Um 9:30 Uhr wurde an einer Wurstbude gestoppt und erst mal ein LKW (Fleischkäswecka mit Unmengen an Senf) verdrückt. Dazu Bier. Auch der Fahrer! Auch ich! Zweimal am Tag fuhren wir auf die Deponie, um die Karre zu entladen. Es stank pervers und die Wespen schwirrten und stachen ohne Ende. Der ganze Job war echt heftig, denn ich musste pro Tag mehrere hundert, megaschwerer Mülltonnen zum Wagen heran holen, an der Karre einhängen, leeren und wieder zurückstellen. Dabei gab wie gesagt der Mann vorne im LKW Vollgas und im Prinzip rannte ich die ganze Zeit nur. Gegen 12-13 Uhr waren wir fertig und ich brutal am Sack. Die nächsten Tage ging alles so weiter. Dann kam der Freitag und Freitag war der Tag, da fuhr man zu den entlegenen Bauerhöfen aufs Land, um dort deren Tonnen zu leeren. An diesem Tag hatte der Fahrer eine leere Bierkiste auf dem Beifahrersitz und ich fragte mich gerade warum, da kamen wir schon an den ersten Bauernhof. Großes Hallo mit Bauer Ulrich und seiner Frau Isolde und auf jeder Mülltonne stand eine volle Flasche Bier. Es war Juli und pervers heiß nebenbei. Der Fahrer packte die Flaschen und stellte sie in die leere Bierkiste auf dem Beifahrersitz und dann gabs beim Bauern erst mal einen Schnaps für jeden. Dann gings weiter Vollgas zum nächsten Hof. Und was soll ich sagen: jeder Bauer, den wir anfuhren, hatte auf seiner Mülltonne immer schön drei Flaschen Bier gestellt und auf fast jedem Hof bekammen wir noch jeweils drei Schnäpse so gegen den Durst. Und Durst hatten wir auch tierisch, denn es staubte übel, so dass wir während der Fahrt (auch der Fahrer!) immer schön ne Flasche Bier aus dem mittlerweile übervollen Kasten nahmen und soffen. Um 10 Uhr war ich voller als 18.000 Russen. Ich hielt mich mit einer Hand an dem Bügel hinten auf dem Trittbrett und wollte mir in einer Kurve gerade ne Kippe anzünden und musste zu diesem Zweck leider kurz den Griff loslassen. In dem Moment fuhr der Fahrer rasant in eine Kurve und ich flog rasant vom LKW. Zum Glück kam ich auf beiden Füssen auf, doch da der LKW 50km/h fuhr, konnten meine Beine das Tempo so urplötzlich nicht kompensieren und ich flog mit der rechten Körperseite aber mal richtig auf die Fresse und den Asphalt. Besoffen wie ich war, spürte ich kaum Schmerzen und blieb in einem Graben an der Seite liegen. Die zwei vollgesoffenen Affen im Müllauto merkten gar nicht, dass ich fehlte und fuhren weiter. Erst nach einer langen Zeit merkten sie, dass ich Vollhorst nicht mehr da war und kehrten um. Dort fanden sie mich mit ordentlich Prellungen und einer komplett blauen Hüfte, Bein und Schulter und mit 48,9 Promille. Ich arbeitet noch ein, zwei Wochen und danach war ich für meine Verhältnisse reich, aber körperlich ein Wrack und habe mich davon nie nie mehr erholt. Müllkutscher sein is not so easy. * "Hast Du schon einmal gekübelt (Mülltonnen geleert)?"