Wenige Topics im GSF werden direkt verlinkt oder finden sich als Dauerbrenner unter den Top-10-Bookmarks der freiwillig lesenden Netcitizens. GadS ist eine Ausnahme. Obwohl jedes Produkt gaywissen saisonalen und konjunkturbedingten Schwankungen unterworfen ist, trotzt das Topic den Stürmen der Zeit: Es bleibt von Werkstattabrauchern, Prüfstandsnasenbluten, Szene-Up(per)s und -Down(er)s sowie Streitereien um die schönste Unterbodenpatina ebenso unberührt, wie von Finanzkrisen und verspielten Meisterschaften. Das hat einen schlichten Grund: Die grüßende Gaymeinde steht oft neben sich und hat also den Blick "haarscharf vorbei". Nicht hindurch, sondern drumrum. Unglaublich jedenfalls. So unglaublich wie das, was sich dem staunenden Betrachter vergangene Woche in einem Münchener Club zur Ansicht bot: Der Fischdosenguy. (Kein Scheiß! Den gibt es wirklich! Jetzt mit Photo-Beweis!) Lehra griff gerade locker unter die Theke nach dem Parka - ein müdes Lächeln für die kichernden Mädels gegenüber (alle von Frisöör schon virtuell vermessen) -, das leise Klicken von Lords Feuerzeug geht im Rascheln der Eiswürfel und dem Klirren der Gläser unter. Ich selbst mit DJ Soulow AKA The Mop AKA Hannes B. in eine Debatte um Röstgrade von Äthiopia Sidamo vertieft. Dazu der übliche NordHERRen-Weichspüler für die Kinder, die auf den Parties ihrer Eltern zu früh ins Bett mußten. Bei Goethe hätte die Szene vermutlich "Anmutige Gegend" geheißen. Plötzlich verschwimmt die Matrix. Nur einen Augenblick. Ein leises Wabern. Der Professor![*] Gewohnt lässiger Schritt. Beinahe Dalai Lama-esques Gleiten in den siebenjährigen, gut ausgehangenen Espandrilles. Die Menge des sich um den Thresen drängenden Jungvolkes teilt sich, ohne es selbst zu bemerken. Mann schafft Raum. Wie Moses im Film. Ein Hocker wird frei. Oder besser gesagt: Materialisiert. Das Entkleidungsritual beginnt. Drei Lagen Schals und ein schwarzer Umhang - mancher munkelt von Alberichs "Cappa" - wachsen zum turmhohen Stapel auf dem mit weißem Kunstleder bezogenen Rundkissen, ehe die Gestalt - halb Buddha, halb Rübezahl - darauf mit Actionfilm-reifer Behändigkeit Platz nimmt. Jetzt ist der Stapel platt. Das Publikum auch. Sachte schiebt die Gestalt mit dem motorölverschmierten Zeigefinger der linken Hand die Brille auf die Nasenwurzel, ehe Sie bei einem der beiden Barkeeper ein Bier bestellt. Natürlich nicht ohne sich nach dem Rabattmarkenprogramm zu erkundigen. Leider wurde selbiges wegen Mangel an Akzeptanz kurz nach dem Krieg abgeschafft. Nein, Zweitwohnsitz in Riesengebirge bringt auch keine Prozente. Egal. Ein Griff in einen der Kühlschränke, Kronkorken fliegt, Geld wird umständlich abgezählt, eine braune Flasche knallt auf laminierte Pressspanplatte. Umstehende beginnen sich zu ducken, in die Decke oder den Boden zu starren, Handy-Adreßbücher und Handtaschen spontan aufzuräumen oder krallen sich noch intensiver als bisher ins Gespräch mit der Nachbarin. Der Grund: Wehe, man wird gesehen und als potentielles Laberopfer gesucht! Das kann dann dauern, bis das Ohr wieder Blumenkohl-frei ist. Und Snickers hat niemand dabei. Aber dieses Adrenalin war umsonst ausgeschüttet! Denn - Lord muß mich stützen und Lehra tauscht spontan mit Hannes B. die Brille - aus den Tiefen des schwarzen Umhangs wird eine durchgesessene Plastiktüte gezogen. Daraus purzeln neben einem Campingbesteck incl. Klappgabel ein Cellophanbeutel mit fünf Scheiben geschnitten Brot und eine Dose "Heringsfilets im fruchtigen Tomaten-Cocktail". Mit einem Knallen, wie man es vermutlich nicht mal dick auf LSD beim Betrachten der üblichen Champagner- oder Sekt-Werbung hören könnte, wird der Weißblechdeckel von der mehrfach prämierten Industrieverpackung gelöst. Der Betrachter weiß nicht, was sich schneller aufrollt: das dünne Metall, das nach dem locker flockigen Abwurf kleiner roter Spritzer auf umstehende DesignerklamottenträgerInnen wie verloren an einer Alu-Zugöse hängt, ehe es von der Zunge des Öffnenden genüßlich liebkost wird, oder die Fußnägel derer, die zeitgleich mit dem optischen Eindruck der ausströmende Geruch erreicht. Die Luftfeuchtigkeit geht stracks gegen 90%. Erste Lacher. Frauen und Kinder wenden sich ab. Manche ergreifen die Flucht, als die Gabel einen safttriefenden Hub aus der Dose holt, nachdem der frisch geleckte Deckel Platz auf dem Thresen gefunden hat. Es riecht nach Fischköppen und Hefe. Konservierungsstoffe versprechen Katastrophentouristen ewiges Leben. Sonnenblumenkern neben Zigarettenasche. Ein Auslöser einer Digicam. Kaltes Klicken. Blitze zucken. Die 8 EUR Eintritt wären nicht zuviel verlangt gewesen.[**] Dann der Barkeeper. Plötzlich ist die ganze Szene wie weggewischt. Keine Spur. Wieder nur nuttiges Volk, hochMODerne Hemden, Retro-Styler, Soul-Ommas, Kotelettenfetischisten. Alle, die an dem Abend an dem Eck vorbeigingen, erzählen aber heute noch vom Fischdosenguy wie Gordon Holmes von Loch Ness ... [*] Sagengestalt; beliebtes Motiv bei Scooteristenkartenspielen, um den "Schwarzen Peter" zu markieren. [**] Dank an Hannes!