Okay, ich kann noch nicht pennen, also hier die deutsche Ehre: Der Blödmann ist ca. 1,80 m hoch und von normaler Statur. Blond, grünäugig und Anfang 20 höchstens. Hemd und Jeans, beides dunkel, eigentlich total unauffällig. Dieser steht nun an einer uns bekannten Theke herum, allerdings im Weg. So sehr im Weg, das ihn ein noch unscheinbarerer Student, gerade 19, auf Seite bittet. Das hört er aber zweimal nicht, also schiebt der Unscheinbare den Blödmann leicht auf Seite. So mit der Hand auf der Niere, ganz zart. Der Blödmann flippt total aus, dreht sich wild gestikulierend herum und brüllt. Klatscht dem Unscheinbaren erst seinen Longdrink ins Gesicht, gefolgt von einem stümperhaften Faustschlag. Der Unscheinbare taumelt, auf der Nasenwurzel getroffen, zurück. Blödmann brüllt weiter und wird nur mit Mühe, von einem zufällig herumstehenden DJ, an weiteren Schlägen gehindert. Kollege Geduld tritt auf. Nimmt sich den Blödmann und bringt ihn an die Türe. Dieser ist total einsichtig, wird nach Hause gehen, alles wäre cool. Während ich denn dann mit ihm da vorne rumstehe, geht Kollege Geduld seine Jacke holen. Mir erzählt Blödmann dann, das es ja nur gerecht sei, wenn der andere auch gehen würde. Schließlich habe der ihn ja angegriffen. Er habe sich ja lediglich verteidigt, was mir ja auch klar sein müßte. Ich starre an ihm vorbei auf die Treppe und zwischendurch auf die Brüste von Lisa, die die Treppe runterkommt. Schöne, kleine, feste Dinger. Er schwallt weiter auf mich ein, das ich doch in Kenntnis der Sachlage ihm zustimmen müßte. Das Prinzip der Eigensicherung sollte mir doch geläufig sein, ich wäre doch bestimmt gut ausgebildet. So wie er. Er sei ja total gut ausgebildet, weswegen es zu keinen weiteren übergriffen des Unscheinbaren kommen würde. Kollege Geduld gibt mir die Jacke, ich schaue ihm endlich in die Augen und gebe ihm die Jacke. Ich wünsche ihm einen schönen Abend und schaue wieder an ihm vorbei auf die Treppe. Er wird leicht erregt, fordert den Rauswurf des Unscheinbaren. Mein Blick wäre gut, sehr gut sogar, aber nicht so gut wie er das könne. Er sei schließlich sehr gut ausgebildet und kenne sich voll gut aus. So gut, das er wisse, was sich gehöre. Ich starre weiter auf die Treppe und tue nichts. Er Schüttelt den Kopf, winkt ab und geht. Im Weggehen bringt er noch einen Spruch, den ich aber nicht verstehe. Am giftigen Ton glaube ich aber die Intention erahnen zu können. Zwölf Minuten später kommt er wieder die Treppe runter. Fragt, ob es sein fail sei, wenn er sein Telefon bei uns verloren habe. Ich verstehe ihn nicht, mir quakt paralell zu ihm Kollege Geduld ins Ohr, das der Blödmann wieder da sei. Ach nee, wirklich. Er bemerkte leicht spöttelnd, das ich bei meinen Job bestimmt Englisch keine Einstellungsvoraussetzung sei und er mir gerne nochmal in deutsch erkläre, das er sein Handy vermisse und ob das nun sein Fehler wäre. Ob ich das denn jetzt auch verstanden habe, oder ob er langsamer sprechen soll, war seine nächste Frage. Nein, erkläre ich, sein Fehler wäre lediglich dem Einzigen, der ihm da weiterhelfen könne, das Gespräch mit einer Beleidigung zu eröffnen. Was das denn nun bedeuten solle, fragt er mich. Ich antworte nicht und spreche in meine Funke, das, sollte jemand ein Telefon im Laden finden, es mir bloß nach vorne bringen möchte. Ich würde gerne die Nervensäge los werden. Er erklärt mir dann nun, wie unpassend meine Art einer Person seines Standes gegenüber sei. Außerdem sei es höchst unprofessionell, den Unscheinbaren nicht raus zu bringen. Und überhaupt gehe er jetzt hier rein, sein Telefon suchen. Ich erkläre ihm, dass er das wohl besser unterlasse. Schließlich möchte ich nicht genötigt werden, ihm Leid zu zu fügen. Der Unscheinbare kommt vorbei, wirft die Tücher weg, mit denen er sich das Blut vom Gesicht entfernte. Er erklärt auf Kollege Gedulds Nachfrage, das er keine Anzeige erstatten möchte, sondern lieber weiter feiern würde. Nimmt dankend meine Taschentücher und geht rein. Der Blödmann steht Beifall abwechselnd klatschend und schimpfend auf der Treppe, unzufrieden wegen der Gesamtsituation. Er hält nun eine Rede darüber, das ich ihn nicht so lange ignorieren könne, wie er mich nerven. Ich starre weiter knapp an ihm vorbei auf die Treppe. Er wird hektischer und erklärt, er wolle doch nur seine deutsche Ehre verteidigen. Er sei in seiner deutschen, ureigenen Ehre gekränkt worden, das könne er so nicht stehen lassen. Von einem Anatolen, einem Ausländer, würde er sich nichts sagen lassen. Er nicht, oh nein. Aber dafür wäre ich eh zu blöde. Er geht weg. Ungefähr acht Minuten später kommt er wieder. Er versucht sich in einschmeichelndem Ton zu erklären, sich und seine Ehre. Er wäre nicht bereit, den Anatolen alles kampflos zu überlassen. Die deutsche Ehre müsse hochgehalten werden, er werde das alles nicht zulassen. Ich müsse das verstehen können, schließlich habe ich ja mit denen täglich zu tun. Mein Job sei ja nicht leicht, mit den ganzen Ausländern. Ob ich den Job gerne mache fragt er. Ob er anstrengend sei. Wenn er nicht dauernd auf mich einreden würde, ginge es eigentlich. Er wollte wissen, was das bedeuten solle. Ob ich vielleicht überfordert wäre. Meine intellektuelle Kapazität würde sich vielleicht für solch komplexe Tätigkeiten wie die Einlaßkontrolle einfach nicht eignen. Ich löse meinen Blick von Treppenstufe Nummer neun und schaue ihm in die Augen. Er solle sich verpissen. Das würde es bedeuten. Er holt Luft um weiter zu texten, als ich stoße. Beidhändig, auf Höhe kurze Rippe. Die Luft ist raus, die Rede unterbrochen. Ich schiebe ihn die Treppe rauf, als mir drei Kirmesäffchen entgegen kommen. Druckknopf Jogginghosen, Panzerketten aus Gold, Wollmützen mit Ohrteilen und nicht dazu passende Sportschuhe. Alle drei genau in Blödmanns Anatolen- Schema passend. Ich stelle mich in den Weg und leier meinen Standardspruch runter. Ich könne sie leider nicht reinlassen, bei uns gehe nichts mit Jogginghosen. Täte mir furchtbar leid, könne aber nix ändern. Während der Anführer der Panzerketten noch Luft holt um seinen Standardspruch zu leiern, drehe ich mich zu Blödmann. Er habe ja was gegen Anatolen und finde Ausländer ja prinzipiell scheiße, ob er das mit den Herren nicht mal klären wolle. Blödmann schluckt und glotzt mich aus großen Augen an. Ich erkläre den drei Panzerketten das ich sie zwar nicht rein lassen könne, aber Blödmann hier ihnen mal die deutsche Ehre zeigen wolle. Blödmann brabbelt unverständlichen Kram, das könne so nicht gehen. Die drei Panzerketten gehen die letzte Stufen wieder rauf und plustern sich auf, noch nicht ganz fassend was hier Sachlage ist. Ich erkläre Blödmann nochmal laut, das er den Anatolen doch mal erklären möge, was er von Ausländern halte. Die fände er ja so scheisse. Blödmann presst die Lippen zusammen, die Augen fallen fast aus dem Kopf. Zieht die Jacke glatt, streckt die Schultern, strafft die Brust und schreitet hoch erhobenen Hauptes die Treppe rauf. Nur Millimeter an Anführer Panzerkette vorbei, ihm dabei tief in die Augen schauend. A-n-a-t-o-l-e-n, raunt er ziemlich angewidert. Panzerkette blinzelt nicht mal und gibt das Signal. Fast synchron drehen sich die drei und folgen ihm in mittlerem Abstand Blödmann in Richtung Straße. Ich drehe mich rum und gehe wieder runter, zu meinem Hocker. Lisa kommt wieder vorbei, trägt ihre kleinen, festen Brüste spazieren. Wasserballett denke ich plötzlich, ja Wasserballett. Chef kommt rüber und erklärt mir, dass das doch so nicht gehen könne und überhaupt. Das könne ich doch nicht machen. Doch, ich kann. Einfach so. Wasserballett.