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Buch "Out of Office - eine Vespa Midlife Crisis"

Featured Replies

Geschrieben

Keine Ahnung, ob das für jemand im Forum interessant ist. Ich habe meinen ersten Roman fertiggestellt.

Hier ein kleiner Ausblick : Keine gute Geschichte fängt jemals damit an, dass ein Mann in seinem ergonomischen Bürostuhl sitzt und eine Tasse Fencheltee trinkt. Gute Geschichten brauchen glühende Kolben, den Gestank von verbranntem Zweitaktöl und die absolute Bereitschaft, alles gegen die Wand zu fahren.
Kai Ritter ist 43, Versicherungsvertreter aus Kempten und seit Kurzem unfreiwilliger Single. Sein Leben war bisher so aufregend wie eine Raufasertapete in Altweiß. Beim Ausräumen der Bar seines verstorbenen besten Freundes Miguel findet er dieses eine Foto: Miguel, 1973, auf einer schneeweißen Vespa GS150 mitten in der glühenden Hitze von La Mancha. In diesem Moment, zwischen alten Bierdeckeln und der stickigen Luft einer leeren Kneipe, wird Kai klar, wie tief er eigentlich in seiner Midlife-Crisis steckt.

Um Miguel zu ehren, trifft er eine Entscheidung, die jeder Vernunft widerspricht: Er wird genau so eine Vespa in Spanien finden. Der Haken? Kai hat keinen Plan, von Rollern keine Ahnung und saß in seinem ganzen Leben noch nicht mal auf einer Vespa. Ein wunderbares Rezept für totales Chaos.
Er findet das Teil tatsächlich irgendwo im spanischen Hinterland, aber der Deal ist gnadenlos: Die Kiste wird nicht geliefert. Er muss sie auf Achse nach Hause fahren. Durch halb Europa, bis zurück ins Allgäu. Was soll schon schief gehen, oder?!

Was folgt, ist ein skurriler Höllentrip. Kai verbrennt sich unter der Sonne Spaniens, verliert seinen Geldbeutel und phasenweise jede Form von Selbstachtung. Er stolpert von Panne zu Panne und von einem bizarren Abenteuer ins nächste. Aber irgendwo zwischen öligem Dreck unter den Fingernägeln und dem Dauerregen am Brenner findet er nicht nur eine alte Blechkiste, sondern ganz langsam auch sich selbst wieder.
„Out of Office“ – Ein Roman über das Glück des Scheiterns und die Freiheit, die man erst findet, wenn man endlich aufhört, alles vorher in Excel zu planen.

Das Buch basiert auf zwei meiner realen Reisen und echten Erfahrung aus meinen 12 Jahren auf großen Touren. Viele der Charaktere basieren auf Bekannten von mir.

Wer Lust auf Fernweh, Zweitakt im Blut und ein bisschen Scheitern (mit Stil) hat schaut mal rein:

https://amzn.eu/d/eG5JtPK

P.s: Diesmal auch als E-book erhältlich!

Und hier eine Leseprobe:

PROLOG (Disco Inferno)

Ich kauerte in der engen, schmuddeligen Kabine einer Gemeinschaftsdusche des Hostels „Paraiso" in Gandia – wobei „Paraiso" vermutlich das spanische Wort für „Ort, an dem Träume und persönliche Hygiene zum Sterben gehen" ist. Jede Berührung des Wasserstrahls fühlte sich an, als würde man mir mit einem stumpfen Messer die oberste, glühende Hautschicht langsam vom Fleisch schaben. Ich war gerade erst unter dem Strahl hervorgekommen. Das Wasser war nicht einmal heiß gewesen, aber auf meinen Unterarmen hatte es sich angefühlt wie flüssiges Blei. Jetzt beobachtete ich, wie die letzte dunkle, ölige Brühe von meinen Ellbogen in den Abfluss rann – der verdichtete Dreck und der Zweitakt-Qualm von hundertachtzig Kilometern spanischer Landstraße, gemischt mit dem schwarzen Schmodder aus Lolas Motor. Ich starrte auf meine Füße auf dem nackten Beton und presste die Lippen zusammen. Ich war mir sicher, dass meine Zehen bereits im Takt der Fußpilzsporen juckten, die hier vermutlich seit der Ära von Generalisimo Franco eine eigene, stolze Zivilisation gegründet hatten – inklusive kleiner Flaggen und einer strengen Grenzpolitik.

Meine Haut war nicht mehr meine Haut. Sie war ein brennendes, tiefrotes Territorium, das die Sonne von La Mancha als ihr Eigentum markiert hatte. Mein Nacken, meine Unterarme, meine Knie – alles on fire. Der Rest meines Körpers? Weiß wie die gekalkten Wände der Windmühlen, an denen ich heute vorbei gerollt bin. Ich sah aus wie ein stümperhaft lackiertes Warnschild: Oben Gefahr, unten Käse.

Mit zitternden Fingern griff ich nach der Tube Aloe Vera, die ich vorhin in einer Apotheke am Hafen gekauft hatte. Die Apothekerin hatte mich angesehen und die extra große Tube gewählt. Sie musterte mich wie einen Verkehrsunfall, bei dem man nicht weiß, ob Krankenwagen oder Gnadenschuss angebracht wäre. Ich klatschte das eiskalte, grün-glibberige Gel auf meine glühende Haut. „Aaah … oh Gott … jaaaa …", stöhnte ich. Es klang weniger nach Erleichterung und mehr nach einem äußerst verstörenden Casting für einen Low-Budget-Erotikfilm aus den Achtzigern.

Genau in diesem Moment wurde ein anderer schimmeliger Duschvorhang zur Seite gerissen. Ein hagerer Brite mit Sonnenhut und Union-Jack-Badeshorts starrte mich an. Er hielt eine Zahnbürste in der Hand und sah mich mit einer Mischung aus Abscheu und englischer Höflichkeit an. „Everything alright there, mate? Sounded like you were having … a moment", sagte er trocken. Ich erstarrte, die Hände voller grünem Glibber, halbnackt und rot wie ein Hummer. „Aloe Vera", krächzte ich. „Sunburn." „Right! Lovely", murmelte er und verschwand kopfschüttelnd Richtung Waschbecken.

Um die Scham zu übertönen, rammte ich mir die AirPods in die Ohren. Ich brauchte Ablenkung. Der Shuffle-Algorithmus, dieses emotionslose digitale Arschloch, hatte ausgerechnet jetzt seinen großen Moment.

[Now Playing] The Trammps – Disco Inferno („Burn, baby, burn …")

„Sehr witzig, Gott", murmelte ich. „Sehr witzig!" Während ich mit glitschigen Fingern versuchte, den Song wegzudrücken, vibrierte mein Handy auf dem speckigen Rand des Waschbeckens.

Miguel hätte gelacht. Der hatte immer gesagt: „Gott hat Humor, Amigo. Schwarzen Humor. Wie ein Spanier." Miguel war tot. Drei Monate. Und ich stand hier in einer Dusche, die nach seinen Albträumen roch.

[Notification] LinkedIn: „Stefan feiert heute sein 10-jähriges Dienstjubiläum als Area Sales Manager. Gratulieren Sie ihm zu diesem Meilenstein!"

Ich starrte auf das Display. Stefan. Stefan trug jetzt sicher ein hellblaues Businesshemd, das so faltenfrei war wie sein Lebenslauf, und nahm Glückwünsche für ein Jahrzehnt kontrollierter Langeweile entgegen. Er hatte Meilensteine. Ich hatte Verbrennungen ersten Grades und eine alte Blechkiste namens Lola, die im Hinterhof stand und vermutlich gerade leise vor sich hin rostete. Er stieß vielleicht gerade im Büro mit Prosecco an, während ich hier in einer Dusche, die nach Chlor und Verzweiflung roch, gegen Pilzinfektionen und den Spott meines eigenen Handys kämpfte. Und als wäre das nicht genug, ploppte direkt die nächste Nachricht auf:

[Notification] Amazon: „Ihre Spar-Abo-Lieferung: ‚Premium-Entkalker für Kaffeevollautomaten (3er Pack)' wurde an Ihren Nachbarn zugestellt."

In Kempten war mein Entkalker angekommen. Mein altes Leben wartete also darauf, entkalkt zu werden, während mein neues Leben hier gerade versuchte, nicht einfach von meinen verbrannten Knochen abzufallen. Ich hatte mich die letzten Monate körperlich etwas gehen lassen, und die Quittung stand nun vor mir im beschlagenen Spiegel: Ein roter Hummer im Körper eines Versicherungsfachwirts und ein kleines weiches Bäuchlein lehnte sich ungefragt über den Bund der Shorts.

„Was zur Hölle mache ich hier?"

Ein leises Grummeln im Magen verriet mir, dass der fantastische Döner vorhin wohl doch nicht so fantastisch war. 

Die ganze skurrile Situation hat vor ein paar Wochen in jener kleinen, verrauchten Bar in Kempten begonnen. Mit einer Schublade, die ich vielleicht besser nie geöffnet hätte, und einem Mann namens Miguel.

Um zu verstehen, warum ich hier in Spanien im Hostel aus der Hölle eine kleine Midlife-Crisis zelebrierte und gegen den Sonnenbrand meines Lebens kämpfte, während draußen zwischen den Müllcontainern eine alte Vespa auf mich wartete, müssen wir zurück. Zurück an den Tresen. Zurück zum Anfang. Living the Dream!

Kein Titel (1410 x 2200 px) (1600 x 2200 px).jpg

Bearbeitet von Vespista X
Leseprobe hinzugefügt

Geschrieben

Weiß denn eigentlich das gleichnamige Mitglied der Rollerszene um seinen neuen Ruhm als Protagonist einer Midlife-Crisis-Story?

Geschrieben
  • Autor

Der Name des Protagonisten ist tatsächlich random ... hahahah

  • 2 Wochen später...
Geschrieben
  • Autor

noch ein Happen exklusiv fürs GSF:

Kapitel 1 - Die Schublade der Wahrheit 

[Soundtrack Shuffle: Tears for Fears - Mad World]


Ich hatte mir fest vorgenommen, heute nicht zu weinen. Oder zu lachen. Oder emotional zu werden. Ganz allgemein: keine Gefühle. Ich hätte es wissen müssen. Wirklich. Ich wusste schon beim Betreten der Bar, dass das eine verdammt miese Idee war.

Wir standen vor der Bar. „El Corazón Rojo" – Das rote Herz. Das Schild hing schief, als hätte es auch drei Monate getrauert.

Ich hätte wissen müssen, dass nichts Gutes passieren kann an einem Montagmorgen in Kempten, an dem man freiwillig in eine seit Monaten geschlossene spanische Bar geht, die schon zu Miguels Lebzeiten roch wie ein Mix aus altem Rotwein, vergessenen Oliven, einem Hauch von Knoblauch und altem, leicht modrigem Holz. Es war keine dieser Vorahnungen, die Menschen im Fernsehen haben, bevor ihnen ein Kronleuchter auf den Kopf fällt, sondern eher ein Mix aus Melancholie und der Furcht, bevor man an einer Milchtüte riecht, die man drei Wochen im Sommerurlaub vergessen hatte.

Aber wenn man frisch getrennt ist und seit Monaten nur arbeitet, isst, schläft und gelegentlich so tut, als würde man Sport treiben, dann wirkt sogar die Aussicht, verstaubte Iberico-Schinkenposter von einer Wand zu kratzen, wie eine Form sozialer Aktivität.

„Nur ein paar Kisten", hatte Miguels Witwe gesagt. „Nur ein bisschen helfen." Ich war seit der Trennung leicht manipulierbar. Wenn mir jemand gesagt hätte, ich bräuchte eine neue Haarfarbe, ich wäre mit einem lila Irokesenschnitt aus dem Friseurladen gekommen. Oder einer Dauerwelle. Oder einem Tattoo mit Schriftzug „Carpe Diem" auf Mandarin. Von einem Tätowierer namens Kevin.

„Danke, dass du kommst, hijo." Isabel umarmte mich so fest, dass mein Rücken einmal kurz aufgab und wie altes Holz knackte. Sie war eine dieser kleinen, aber gefährlichen Frauen – klein und lieb wie eine Grundschullehrerin, aber mit der Umarmungskraft eines rumänischen Tanzbären. Ihr graues Haar war zu einem strengen Knoten gebunden, als hätte sie keine Zeit für Unsinn. Hatte sie auch nicht.

„Klar." Ich versuchte zu lächeln. Es wurde eher ein press-optimistisches Grinsen, wie man es hat, wenn man behauptet, man sei „voll okay" – während man noch den Karton mit den Sachen der Ex in den Händen hält.

Isabel sperrte die Tür auf und wir gingen hinein. Doch als ich die Bar betrat, stockte ich. Es war wie eine Wand. Ein Geruch, der eindeutig kein Drei-Monate-Geruch war. Mehr ein Drei-Jahrzehnte-Geruch. Eine Art olfaktorischer Schlag in die Magengrube. Es roch, als hätte jemand dort einen vergessenen Serrano-Schinken mit nassem Hund gekreuzt – mit einer Spur von „irgendwas ist hier definitiv gestorben". Dazu kam dieser süßlich-säuerliche Duft von alten Oliven, die in Öl ertränkt worden waren, als Franco noch lebte, und der allgegenwärtige Knoblauchgeruch, der sich über Jahrzehnte in jede Holzpore, jeden Vorhang, jede Tischplatte gefressen hatte. Über all dem schwebte – wie ein geisterhafter Nebel – der Zigarettenrauch von früher, als hier noch geraucht werden durfte und Miguel persönlich dafür gesorgt hatte, dass keine Wand jemals richtig gelüftet wurde.

„Schlimm, oder?" Isabel stand hinter mir, klein, streng, graues Haar zum Knoten gebunden. „Ich hab seit zwei Monaten nicht reingeschaut." „Riecht … mediterran", brachte ich hervor. „Mediterran? Es riecht wie ein Kühlschrank nach einem Junggesellenabend." Sie lachte. Ich nicht. Ich erinnerte mich nur zu gut an diesen Abend. Und an den Kühlschrank.

Die Bar selbst sah aus wie ein museales Stillleben spanischer Kneipenromantik – oder wie das Requisitenlager eines Films über das Spanien der 70er-Jahre. An den Wänden hingen vergilbte Stierkampfplakate, auf denen muskulöse Toreros mit ernsten Gesichtern goldbestickte Capes schwangen. Neben der Tür lehnte ein abgewetztes Plakat von der Feria de Sevilla, auf dem tanzende Frauen in Flamencokleidern zu sehen waren – die Farben längst zu einem nostalgischen Sepia verblasst. Die Tische – oder besser gesagt: die aufrecht stehenden, zu Tischen umfunktionierten Weinfässer – waren aus dunklem, angeranztem Holz, das aussah, als hätte es mehrere Generationen von verschüttetem Rioja und zerdrückten Tapas überlebt. Auf einem klebte noch ein alter Bierdeckel, der sich ins Holz eingebrannt hatte wie ein Fossilabdruck aus einer längst vergangenen Ära. Die eigentliche Bar – ein massives, dunkel lackiertes Monstrum aus Holz – zog sich an der linken Wand entlang und sah aus, als könnte sie Geschichten erzählen, wenn man ihr nur genug Rotwein gab. Der Tresen war klebrig, als hätte er noch immer die Hände der Gäste von damals gespeichert. Dahinter standen leere Weinregale, und über allem thronte eine staubige Sammlung von Vermut-Flaschen, deren Etiketten so vergilbt waren, dass man kaum noch lesen konnte, was drin war. Die Stühle standen auf den Tischen – wie in jeder Bar nach Feierabend, nur dass dieser Feierabend jetzt drei Monate dauerte.

Und über allem lag dieser leise Schatten seiner Stimme. Miguel.

„Es tut mir leid, dass du das machen musst", sagte Isabel neben mir. Ihre Stimme war leiser als früher. Man hörte den Verlust darin, unsauber und unaufgeräumt wie ein halb geschlossenes Fenster im Wind. „Ich helfe gern", sagte ich. Und meinte es auch. Wahrscheinlich half es mir genauso wie ihr.

Miguel war nicht irgendein Kumpel. Er war der Typ, der mir beigebracht hatte, dass man einen Vermut auch morgens trinken darf, „wenn der Tag es verlangt". Und so ziemlich jeder Tag verlangt es. Der Mann, der mit jeder Kneipenwand wild gestikulierend ein Gespräch führte, als wäre sie ein lang verschollener Cousin. Er war mehr als ein Barkeeper. Er war mein Kumpel, Lebensberater und semilegales Taxi nach ein paar Vermut. Er war mein bester Freund. Es gab keinen Therapeuten, kein Selbsthilfebuch, das auch nur annähernd so hilfreich war wie seine Küche, ein Glas Rotwein und seine absolute Überzeugung, dass jedes Problem kleiner wird, wenn man genug Knoblauch verwendet.

„Es wird Zeit, dass wir aufräumen", sagte Isabel. „Luisa kommt heute Nachmittag und will die Räume sehen." Luisa war eine potenzielle Nachmieterin. Eine Frau mit dem Gesichtsausdruck einer Steuerprüfung und der Herzlichkeit eines Finanzamts-Formulars. Die Sorte Mensch, die vermutlich beim Niesen „Entschuldigung" sagt, aber dabei so klingt, als würde sie eine Abmahnung vorlesen. Für sie war diese Bar nur: Quadratmeter, Miete, Geschäftspotenzial. Sie würde alles rauswerfen, was nach Spanien roch, und wahrscheinlich ein Nagelstudio oder einen weiteren Handyladen daraus machen.

Isabel schniefte. Ich hoffte, es war Staub und nicht Trauer. Ich konnte mit trauernden Menschen umgehen wie andere mit Tarantelstichen: gar nicht. „Die alte Kasse kommt weg. Und die Fotos. Mach du das bitte?", sagte sie und verschwand im Hinterzimmer.

Also begann ich, Schubladen zu öffnen. Die erste enthielt Bierdeckel. Die zweite einige Korken. Die dritte – für die ich mit einem beherzten Ziehen meine Hand zwischen Griff und Holz eingeklemmt hatte – enthielt das, was man wohl eine wahre Schatztruhe nennen konnte: alte Fotos, vergilbte Dokumente, Rechnungen, Postkarten, irgendwas in Alufolie, das ich lieber nicht berühren wollte. Ein spanischer Fächer. Eine getrocknete Chilischote. Eine Eintrittskarte für ein Stierkampffestival aus dem Jahr 1978. Eine Packung Kondome (abgelaufen 2004 – mutiger Mann). Und ein Feuerzeug mit der Aufschrift „Mallorca 1987 – War geil". Grammatikalisch fragwürdig, aber ehrlich.

Und ganz unten, unter einem Stapel vergessener Geschichten, lag es: das Foto.

Miguel, vielleicht Mitte zwanzig, grinsend wie ein Mann, der gerade alle Sorgen der Welt auf Urlaub geschickt hat. Und neben ihm: eine Motovespa GS150. Schneeweiß. Leicht verbeult. Perfekt unperfekt. Im Hintergrund: die endlose, staubige Weite der kastilischen Hochebene – La Mancha. Karge Olivenhaine am Horizont, ein paar windgebeugte Bäume, und diese typische ockergelbe Erde, auf der man sich vorstellen konnte, wie Don Quijote gegen Windmühlen kämpfte. Die Hitze war praktisch im Foto konserviert – man konnte sie förmlich spüren, diese flimmernde, gnadenlose Augusthitze, die einem das Hirn grillte.

Ich spürte ein verräterisches Kribbeln im Bauch. Vielleicht, weil Miguel so glücklich aussah, wie ich es seit Monaten nicht mehr gefühlt hatte. Auf der Rückseite stand in seiner krakeligen Handschrift: „Mi libertad empieza aquí." – Meine Freiheit beginnt hier.

Ich ließ mich auf einen der Barhocker fallen, die nach abgestandenem Bier und altem Leder rochen, und starrte auf diese Worte, als könnten sie mir erklären, wo mein eigenes Leben denn falsch abgebogen war. Während ich da so saß, wurde mir klar, dass ich spätestens seit meiner Trennung in einem Zustand zwischen „funktionierend" und „innerlich tot" steckte. Arbeit. Schlafen. Arbeit. Essen aus Tupperdosen im Büro, weil ich nicht mal mehr die Energie hatte, mir ein ordentliches Brot zu schmieren. Ich seufzte morgens über meine Kaffeemaschine. Nicht metaphorisch. Wirklich. Über eine Maschine.

Und jetzt dieses Foto. Diese strahlende Vespa. Dieser Satz. „Das war seine erste große Liebe", sagte Isabel. „Also … nach mir." Sie zwinkerte. Genau wie er es getan hätte. „Er hat immer gesagt", fuhr Isabel fort, „diese Vespa hat ihm Freiheit geschenkt. Sein erstes Abenteuer. Die Straße, der Wind, Spanien!" Sie hob die Arme wie eine Opernsängerin beim Finale.

Ich lächelte. Nur ein bisschen, aber echt. „Erzählte er dir die Geschichte? Von Albacete nach Barcelona? Er war so stolz. Hat jeden damit genervt." Sie lachte.

Er hatte mir oft davon erzählt – wie er die Vespa 1973 in Albacete gekauft hatte, einer Stadt mitten in La Mancha, die vor allem dafür bekannt war, dass es dort im Sommer heißer war als in der Hölle und im Winter kälter als im Kühlschrank. Wie er damit nach Barcelona gefahren war – eine Tour von über 600 Kilometern durch kastilische Hitze und katalanische Küstenträume. Und wie er sie dort später verkauft hatte, um sich ein Ticket nach Deutschland leisten zu können, wo angeblich die Straßen gepflastert waren mit Arbeit und Wohlstand. Und wie er das später immer bereut hatte.

„Ein Mann sollte nie seine Vespa verkaufen", hatte er einmal gesagt. „Nicht einmal, wenn er ein neues Leben anfangen will." „Warum nicht?" „Weil das neue Leben wieder vorbeigeht. Die Vespa nicht."

Ich schluckte. Nicht wegen der Vespa. Drei Monate. Er war erst drei Monate weg, und doch fühlte es sich an wie ein ganzes Leben.

„Er wollte zurück nach Barcelona", sagte Isabel. „Die Vespa finden. Nochmal fahren. Irgendwann, hat er gesagt." “Irgendwann” ist ein Arschloch.”

Ich sah das Foto an. Dann mein eigenes Spiegelbild im Fenster neben der Bar. Mein müdes Gesicht. Die Augenringe. Die grauen Haare, die sich heimlich selbst eingeladen hatten, ohne zu fragen, ob sie bleiben durften. Es traf mich. Nicht schlagartig, sondern wie eine Erkenntnis, die sich langsam, aber unaufhaltsam ins Bewusstsein schiebt.

Ich hatte kein Abenteuer. Nicht mal ein mittelmäßiges. Ich hatte einen Autokredit. Ich hatte eine ungenutzte Mitgliedschaft im Fitnesscenter. Die mich jeden Monat 39,90 Euro kostete – also umgerechnet etwa 13 Cent pro schlechtem Gewissen. Ich hatte Moppi, mein Saug-Wisch-Roboter. Der übrigens intelligenter war als ich. Zumindest kannte er seine Grenzen und fuhr nicht gegen Wände. Meistens jedenfalls. Und ein Chef, der mich behandelte, als wäre eine echte Persönlichkeit ein lästiger Software-Bug. Vielleicht deshalb spürte ich plötzlich dieses Kribbeln. Ein Funken. Eine längst vergessene Sehnsucht.

Dann kam der Gedanke. Der Gefährliche. Der Idiotische. Der Großartige. Was, wenn ich diese Vespa suche? Oder zumindest eine? Oder … irgendetwas tue, das nicht die pure reflexartige Vernunft ist?

„Du denkst nach", sagte Isabel. „Nein", log ich. „Doch. Ich kenne dieses Gesicht. So hat er geguckt, kurz bevor er irgendwas Dummes getan hat." „Ich tue keine dummen Dinge." „Du hast drei Jahre mit einer Frau zusammengelebt, die dir verboten hat, Knoblauch im Haus zu haben." Touché.

Ich sah sie an. Sie sah müde aus. Geknickt. Und trotzdem stark genug, um der Welt vorzuspielen, dass sie schon klar käme. „Was würde er jetzt sagen?", fragte sie und tippte mit dem Finger an die Rückseite des Fotos.

Ich wusste genau, was er sagen würde. „Komm schon. Beweg deinen Hintern. Das Leben wartet nicht, Amigo!"

Ich sah wieder auf die Vespa. Auf die schlichte, elegante Linie. Auf Miguel. Auf das Lächeln. Auf La Mancha im Hintergrund. Und plötzlich … fühlte es sich an, als wäre dieses Foto nicht zufällig in dieser Schublade gewesen. Eher wie ein letzter Stupser eines Freundes, der mir aus dem Jenseits auf die Schulter tippte und sagte: „Komm schon. Versuch's." Ein letzter wohlgemeinter Tritt in den Hintern!

„Behalte das Foto als Andenken!", sagte Isabel mit einem milden Lächeln. Sie zwinkerte mit so einem Funkeln im Auge.

[Notification] WhatsApp Sabine: „Hast du aus Versehen beim Auszug meine Winter-Pantoffeln mitgenommen? Die Flauschigen von Birkenstock?"

Ich drückte es weg. Natürlich hatte ich ihre verdammten Pantoffeln. Sie standen seit drei Monaten in meinem Flur wie ein textiles Mahnmal gescheiterter Beziehungen. Aber das musste sie ja nicht wissen. Noch nicht.

„Danke, Isabel. Aber ich bin eher der Typ für kontrollierte Risiken. Das hier …" Ich tippte auf die schneeweiße Vespa, „… das war sein Ding. Ich hab einen Leasingvertrag für einen Mittelklassewagen mit acht Airbags. Ich brauche keine Freiheit, ich brauche eine neue Dichtung für meine Kaffeemaschine."

Ich log. Und wir beide wussten es.

Als ich später wieder in meiner Wohnung stand – umgeben von Kartons, halb ausgepackten Umzugskisten (seit Monaten), Wäschebergen und einer Pflanze, die offiziell schon tot war, aber aus Höflichkeit noch ein Blatt trug – vermutlich aus derselben deutschen Pflichterfüllung, die mich auch noch zur Arbeit gehen ließ – setzte ich mich auf mein Sofa. Ich legte das Foto auf den Küchentisch, direkt neben eine Mahnung der Hausratversicherung und eine Schale mit traurigen Bio-Äpfeln. Und starrte darauf. Lange.

Vergiss es, Kai, dachte ich. Du bist dreiundvierzig. Du fährst nicht nach Spanien, um einen Schrotthaufen zu suchen. Du kaufst jetzt eine neue Zimmerpflanze und liest ein Buch über Achtsamkeit.

Ich setzte mich aufs Sofa. In meiner Hosentasche vibrierte das Handy. Ein haptischer Schlag aus der Realität.

[Notification] Kleinanzeigen: „Nachricht zu Ihrer Anzeige ‚Ergonomischer Bürostuhl (Lordosenstütze defekt)': Was ist letzter Preis? Tausche auch gegen 3 Säcke Blumenerde oder leicht defekten Mähroboter."

Ich starrte auf das Display. Das war mein Leben. Ein Universum aus Lordosenstützen, Mährobotern und Menschen, die Blumenerde als Währung betrachteten. In diesem Moment wusste ich: Wenn das Leben ein Tauschgeschäft ist, hatte ich die Arschkarte gezogen.

Ich betrachtete wieder das Foto. Die Notiz schrie mich an: MI LIBERTAD EMPIEZA AQUÍ!

Ich wartete darauf, dass die Vernunft mir ein „Hör auf" ins Gesicht brüllt. Doch sie blieb still. Vermutlich hatte sie gekündigt. Oder war im Urlaub. Auf jeden Fall schien sie beschlossen zu haben, dass ich ab jetzt allein klarkommen musste.

Und so – ohne wirklich zu verstehen, warum – begann ich zu googeln: „Motovespa GS150", „Seltenes Modell Spanien", „Albacete Vespa alte Modelle", „Kann man mit 43 einfach aus seinem Leben flüchten?", und – etwas später – „Wo ist der nächstbeste Flug nach Spanien?".

Ich wusste es nicht in diesem Moment. Aber es war der Anfang von allem. Von Miguels Geschichte. Von meiner. Von einem Abenteuer, das ich mein Leben lang hätte vermeiden können – und nun endlich brauchte. Mein Abenteuer begann hier. Mit einer Schublade. Einem Foto. Und der Ahnung, dass ich vielleicht doch nicht dafür gemacht war, vernünftig zu sein.

Das war doch irre. Das ist verantwortungslos. Du kannst doch nicht einfach abhauen. Vielleicht doch!

Ich fing an zu lächeln. Ein kleines, zaghaftes Lächeln, das sich anfühlte wie ein erster sonniger Tag nach einem viel zu langen Winter. Vielleicht brauchte ich eine Veränderung. Vielleicht brauchte ich einen Neuanfang. Vielleicht brauchte ich eine Vespa. Oder vielleicht – ganz vielleicht – brauchte ich einfach eine richtig krasse Geschichte, die ich mir selbst erzählen konnte.

// den Rest könnt Ihr dann entweder als E-book oder im Taschenbuch auf Amazon lesen.

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