Vom Frust zum Fahrspass – meine P200E-Geschichte Ich wollte einfach mal meine Geschichte erzählen. Vielleicht hilft sie dem einen oder anderen, der gerade etwas Ähnliches erlebt oder selber mit dem Gedanken spielt, einen 210er aufzubauen. Meine alte Dame ist eine P200E, Baujahr 1981. Der Motor war bis dahin noch nie geöffnet und hatte rund 50’000 km auf der Uhr. Leider war sie inzwischen so undicht, dass sie mehr Öl verlor, als ich überhaupt nachfüllen konnte. Da ich zwar Heizungsbauer bin und technisch einiges selber mache, aber noch nie einen Vespa-Motor revidiert hatte, suchte ich einen Schrauber in meiner Gegend. Er hatte einen sehr guten Ruf, also dachte ich mir, das passt. Meine Wünsche waren eigentlich ganz einfach: Malossi 210 Sport auf 60er Langhub tourentauglicher Auspuff entspannt 100 km/h reisen können neue Stossdämpfer neue Bremsen Preis: rund 2’200 €. Die Ernüchterung Nach zwei Wochen war die Vespa fertig. Also voller Vorfreude hingefahren, bezahlt und losgefahren. Kaum aus der Werkstatt raus, auf die Landstrasse. Ganz normal beschleunigt und bei etwa 80 km/h gab es plötzlich wie eine Fehlzündung. Ich dachte zuerst noch, kann ja mal passieren. Nach dem ersten Dorf wieder im vierten Gang von ca. 50 auf 80 km/h beschleunigt – wieder genau dasselbe. Also an der Bushaltestelle angehalten und die Kerze rausgeschraubt. Die war praktisch hellgrau bis weiss. Da war für mich klar, dass da etwas überhaupt nicht stimmt. Also Zuhause sofort Google und das GSF durchforstet und bis spät in die Nacht gelesen. Das Telefonat Am Montag habe ich den Schrauber angerufen. Ich fragte: Zündung eingestellt? Ja, auf 18°. Welche Hauptdüse? Ich glaube 125. Nebendüse? Habe ich nicht gewechselt. HLKD? Mischrohr? Weiss ich nicht. Das, was vorher drin war. Da wurde ich langsam stutzig. Dann fragte ich weiter. Steuerzeiten gemessen? Nein, einfach zusammengesteckt. Quetschkante? Weiss ich nicht. Fast-Flow-Benzinhahn oder Benzinversorgung nach SIP umgebaut? Nein, original. Da wusste ich eigentlich schon, dass das zwar ein guter Vespa-Schrauber sein mag, aber vom Tuning nicht wirklich viel Erfahrung hat. Alles nochmals auseinander Ich bat ihn, an einem Samstagmorgen gemeinsam nochmals alles anzuschauen. Das machte er ohne Diskussion. Also Motor auf. Ergebnis: Quetschkante 2,4 mm HLKD 140 BE4 HD 122 ND 50/160 alle SI-Bohrungen original SIP Road Legal Ich war ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht. Schlussstrich Ich wollte das Thema möglichst schnell beenden. Also alles wieder zusammengebaut, Vespa auf den Anhänger geladen und nach Hause. Er hat mir ohne Diskussion 500 € zurückgegeben. Das rechne ich ihm hoch an. Zum Schluss habe ich ihm einfach gesagt, dass er den Leuten gegenüber ehrlich sein soll oder nur Arbeiten annimmt, von denen er wirklich etwas versteht. Jetzt mache ich es selber Daheim angekommen ging das grosse Lesen los. GSF rauf und runter. Bestellt habe ich: Fast-Flow-Benzinhahn Benzinschlauch komplette Düsen Dichtsatz Venturi Airbox Den SI habe ich nach den Anleitungen hier im Forum komplett bearbeitet. Wirklich alles gemacht. Bohrungen, Übergänge, Schwimmer auf das 400er-Nadelventil umgebaut usw. Ein paar Tage später waren die Teile da. Mit YouTube, GSF und viel Geduld ging es los. Nächste Überraschung Beim Abnehmen des Zylinderkopfs stellte ich fest, dass eine 2,5-mm-Kopfdichtung verbaut war. Natürlich hatte ich daran überhaupt nicht gedacht und auch nichts bestellt. Also schnell in die Werkstatt gefahren. Im Schrottcontainer der Spenglerei lagen Alubleche mit 0,8 mm und 0,5 mm. Daraus habe ich mir kurzerhand passende Dichtungen ausgeschnitten. Improvisation muss manchmal sein. Ich habe praktisch das ganze Wochenende geschraubt. Nicht weil es so schwierig war, sondern weil ich wirklich jeden einzelnen Schritt mehrfach im GSF nachgelesen habe. Steuerzeiten konnte ich noch nicht messen, weil mir einfach die Gradscheibe fehlte. Erster Start Verbaut war jetzt: HD 140 HLKD 160 BE3 ND 55/160 NGK B9 Sonntag gegen 14 Uhr. Erster Kick. Die Vespa sprang sofort an. Ich war ehrlich gesagt schon ein wenig stolz. Erste Kilometer Der Unterschied war riesig. Keine Aussetzer mehr. Keine Fehlzündungen. Die Beschleunigung war viel besser. Ich fuhr zwei Tankfüllungen leer und kontrollierte ständig die Kerze. Das Kerzenbild war schön rehbraun. Trotzdem war ich mit der Endgeschwindigkeit überhaupt nicht zufrieden. Mit Mühe und Not schaffte sie auf dem Originaltacho knapp 100 km/h. Immerhin wusste ich jetzt, dass genügend Benzin am Vergaser ankommt. SIP Road 3 Ein guter Kollege lieh mir seinen SIP Road 3. Montiert. Probefahrt. Und sofort ein riesiges Grinsen. Das war eine komplett andere Vespa. Ab diesem Moment hatte mich das Tuning endgültig gepackt. Wieder lesen, lesen und nochmals lesen Also wieder tagelang das GSF und italienische Foren durchstöbert. Am Schluss bin ich bei Ragucci gelandet. Da ich italienischer Abstammung bin, habe ich ihn direkt angerufen. Lustiger Zufall: Er wohnt nur etwa 10 km vom Heimatort meiner Familie entfernt. Nach einem längeren Gespräch empfahl er mir den M41. Also bestellt. Von einem Kollegen bekam ich zusätzlich einen Pinasco 26/26 geschenkt, weil er ihn selber nie richtig abgestimmt bekam. Natürlich wurde auch dieser komplett bearbeitet. Neue Dichtungen aus dem Forum bestellt. Lemarxon L-M-M-Schieber. Kompletter Pinasco-Düsensatz. Nochmals 400–500 € weg. Aber egal. Stand heute Den Pinasco habe ich ebenfalls komplett bearbeitet und den M41 montiert. Nach einigen Tagen Abstimmen bin ich jetzt bei folgender Bedüsung gelandet: HLKD 190 Lemarxon Race2 HD 162 ND 60/160 Ich fahre aktuell eine NGK B9. Das Kerzenbild habe ich nicht nur nach Vollgas kontrolliert, sondern bewusst bei 1/8, 1/4, Halbgas und Vollgas. Die Kerze ist in allen Bereichen schön rehbraun bis braun, weshalb ich die Abstimmung im Moment so lasse. Auch den Bremsenreiniger-Test an der Vergaserwanne habe ich gemacht. Keine Drehzahländerung, der Motor läuft sauber weiter. Scheint also alles dicht zu sein. Steuerzeiten habe ich bis heute noch nicht gemessen, weil ich ziemlich sicher bin, dass ich den Motor im Winter sowieso nochmals spalten werde. Der Einlass ist noch komplett original und das möchte ich dann gleich richtig machen. Mittlerweile macht die Vespa im ersten Gang sogar einen kleinen Power-Wheelie. 😃 Damit hätte ich ganz am Anfang nie gerechnet. Winterprojekt Im Winter kommt der Motor nochmals raus. Dann wird der Einlass bearbeitet. Den Zylinder selber werde ich allerdings nicht fräsen. Da kenne ich meine Grenzen und hoffe, hier im Forum jemanden zu finden, der das wirklich sauber macht. Fazit Mittlerweile bin ich über 1’000 km gefahren und geniesse jede einzelne Ausfahrt. Im Nachhinein bin ich fast froh, dass alles so gekommen ist. Ich musste mich gezwungenermassen mit der Materie beschäftigen und habe in wenigen Wochen wahrscheinlich mehr über SI-Vergaser, Bedüsung und Motorabstimmung gelernt als ich jemals gedacht hätte. Ohne das GSF wäre ich wahrscheinlich nie so weit gekommen. Deshalb einfach mal ein grosses Dankeschön an alle, die hier ihr Wissen teilen. Ich habe unzählige Beiträge gelesen und unglaublich viel daraus mitgenommen. Jetzt freue ich mich schon auf den Winter – und noch mehr auf die erste Ausfahrt mit dem überarbeiteten Motor nächstes Jahr.
Von
hanny1979 , · Geschrieben vor 8 Minuten 8 Min
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