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  1. Mit „Graubereich“ meine ich nicht, dass der TÜV sagt: „Ach ja, passt schon, ist ja irgendwie legal.“ Den gibt es so natürlich nicht – da hast du völlig recht. Was ich mit „Graubereich“ meine, ist eher der praktisch gelebte Alltag bei klassischen Verbrenner-Umbauten: Teile ohne Eintragung oder ABE sind formal illegal, fallen aber oft nicht auf, weil sie sich optisch und konzeptionell noch innerhalb dessen bewegen, was der Prüfer erwartet. Ein anderer Zylinder, ein anderer Auspuff, andere Übersetzung – das kann erkannt werden, muss es aber nicht. Und genau da entsteht dieser faktische, wenn auch nicht rechtliche „Graubereich“. Beim E-Umbau existiert dieser Spielraum schlicht nicht. Wenn statt Motor, Auspuff und Tank plötzlich ein Elektromotor mit Akku verbaut ist, ist das kein Detail mehr, das man übersehen oder falsch einordnen kann. Das Fahrzeug ist konstruktiv ein anderes – und damit ist die Diskussion sofort binär: entweder eingetragen oder durchgefallen.
  2. Genau da liegt der Unterschied zwischen „klassischem Vespa-Tuning“ und E-Umbau (mal abgesehen von Umbauten, die man nicht im öffentlichen Straßenverkehr nutzen möchte sonder eher Quartermile etc.). Beim 2-Takter lebt man halt seit Jahrzehnten ganz gut mit dem TÜV Roulette: Ist es Serie? Ist es eingetragen? Ist es dem Prüfer heute egal? Man weiß es nicht – aber meistens geht’s irgendwie durch. Und wenn nicht, wird halt am Abend vorher noch schnell zurückgebaut oder auf total unwissend getan. Mir ist beim TÜV mal durch ne defekte CDI, die immer regelmäßig die Zündkerzen gefressen hat und für Fehlzündungen gesorgt hat, vor dem Prüfer der Auspuff vom Auslass abgefallen.... Der Prüfer meinte einfach: Okay, komm einfach nochmal wieder, ich hab dich hier jetzt nicht gesehen.... Beim E-Umbau ist dieses Spiel sofort vorbei. Wenn da beim TÜV plötzlich kein Motor, kein Auspuff und kein Vergaser, sondern ein Elektromotor sitzt, dann ist das kein „ach guck mal, anderer Zylinder“ mehr – das ist ein völlig anderes Fahrzeugkonzept. Da kannst du hoffen wie du willst, das übersieht keiner. Klar könnte man das alles auch billiger machen. Ohne Gutachten, ohne komlexe Entwicklung, ohne Papierkram. Dann bist du preislich schnell da, wo die asiatischen Komplettroller liegen. Aber dann hast du halt auch genau das: keine Zulassung, keine HU, keine Diskussion – sondern einfach Feierabend. Genau deshalb frisst der ganze TÜV- und Gutachten-Kram so viel Budget. Nicht, weil irgendwer besonders scharf auf Papier ist, sondern weil es beim E-Umbau schlicht keinen legalen Graubereich gibt: Entweder sauber geprüft – oder gar nicht. Ich habe beim TÜV tatsächlich mal nach der Eintragungsmöglichkeit eines Eigenumbaus gefragt (da ich Interesse an dem Kit aus GB hatte). Selbst unter der Annahme, dass man je nach Baujahr eventuell ohne vollständigen EMV-Nachweis auskommen könnte, geht es direkt weiter mit Themen wie Festigkeitsgutachten der Schwinge. Der regionale TÜV hat das abgelehnt, an übergeordnete Prüfstellen verwiesen und klar gesagt, dass dafür ein umfangreiches Einzelgutachten notwendig wäre.
  3. Du hast völlig recht, dass Leistungs- und Drehmomentcharakteristik von E-Motor (insbesondere Radnabe) und Verbrenner grundsätzlich nicht 1:1 vergleichbar sind. Meine Vergleiche bezogen sich weniger auf das gesamte Band oder auf Endgeschwindigkeit, sondern eher auf den für den Alltag relevanten Bereich. Gerade untenrum und im mittleren Geschwindigkeitsbereich (Anfahren, Beschleunigen und vor allem überholen bis ca. 80–100 km/h) fühlt sich der E-Antrieb extrem potent an, weil das volle Drehmoment sofort anliegt. In diesem Bereich kann man ihn aus meiner Sicht durchaus mit einer sehr kräftigen Smallframe oder auch einer wirklich starken Largeframe vergleichen – einfach, weil man diesen Bereich im Alltag permanent nutzt. Obenraus ist es, wie du schreibst, eine andere Geschichte: Der Verbrenner profitiert klar vom Getriebe und kann sein schmaleres Leistungsband über die Übersetzung besser ausnutzen. Der Radnabenmotor dagegen verliert bei höheren Geschwindigkeiten Drehmoment, was sich zwangsläufig auf Beschleunigung und Endgeschwindigkeit auswirkt. Da ist ein 40-PS-Zweitakter natürlich im Vorteil, allerdings bin ich innerhalb von 6 Sekunden auf 100km/h und diesen Beschleungigungsvorteil müsste ein Zweitakter erstmal aufholen. Die Endgeschwindigkeit meines Setups wird durch die Software limitiert und liegt bei ca. 120km/h. Den Punkt kann ich schon nachvollziehen, den Eindruck hatte ich am Anfang teilweise auch. Man muss aber ein Stück weit unterscheiden zwischen „optisch maximal elegant“ und „praktisch bzw. reproduzierbar umsetzbar“. Einige Dinge sind schlicht dem Umstand geschuldet, dass das Kit für viele unterschiedliche Fahrzeuge funktionieren soll und nicht als Einzelanfertigung gedacht ist - zumal man in Eigenregie Sachen wie den Leistungsschalter und evtl. sogar den Gaszug selber optimieren könnte.... Beim Display ist es z. B. so, dass es grundsätzlich die Möglichkeit gibt, den Antrieb an einen SIP-Tacho 2.0 anzubinden und dort auch den Akkustand anzuzeigen. Für meine deutsche VNB gibt es diesen Tacho allerdings leider nicht, deshalb ist bei mir das einfache Display verbaut. Für andere Modelle lässt sich das mit dem Sip 2.0 Tacho deutlich dezenter lösen. Ähnlich beim Leistungswahlschalter: Bei meinem Roller ist der Umschalter dezent auf einen vorhandenen Lenkerschalter gelegt, bei den aktuellen Largeframe-Kits sieht man auf den Fotos, dass dafür meist ein kleiner Kippschalter am Display sitzt. Das finde ich optisch auch nicht schön, ist aber funktional und verständlich - für den Eigenumbau - spart Eingriffe in die bestehende Elektrik (wenn man sich das nicht zutraut) und macht den Umbau insgesamt einfacher und robuster. Technisch wären andere Lösungen problemlos machbar - halt so wie bei mir. Das Thema Gasgriff / Gaszug hatte ich mir anfangs ebenfalls anders vorgestellt. Eine mechanische Lösung mit Seilzug und Potentiometer wäre optisch eleganter, wurde aber letztendlich bewusst verworfen, weil mechanische Komponenten langfristig fehleranfälliger sind. Gerade bei älteren Rollern kennt man schwergängige Gaszüge oder unvollständigen Rücklauf – beim E-Antrieb wäre das sicherheitsrelevant. Der elektronische Gasgriff wirkt simpel, funktioniert dafür sehr zuverlässig und unauffällig im Alltag - ich hätte gedacht, dass mich das evtl. stören würde, ist aber im endeffekt irrelevant... Auch Ideen wie ein Leistungswechsel über die Handschaltung hatte ich selbst im Kopf - wie geil wäre das gewesen! In der Praxis wäre das aber eher unübersichtlich und birgt die Gefahr, die Leistungsstufe unbeabsichtigt zu ändern. Es sei denn man würde es mit dem Kupplungshebel koppeln, halt wie richtiges schalten . Unterm Strich ist vieles weniger eine Designfrage als eine Entscheidung zugunsten von Funktion, Sicherheit und Alltagstauglichkeit. Optisch lässt sich sicher noch einiges individualisieren, aber die gewählten Lösungen sind aus meiner Sicht nachvollziehbar und im täglichen Betrieb unproblematisch - abgesehen vom Preis Nochmal zum Tacho: Die Retrokit Tachos auf den Smallframes sehen ja ganz interessant aus. Da wurde passend was für die einzelnen Tacho-Versionen entwickelt, aber wenn ich mir von denen das Largeframe-Kit ansehe, sieht man dass dann nicht mehr wirklich viel Wert auf individualisierte lösungen gesetzt wurde. Vermutlich auch, da es so viele verschiedene Tacho-Formate bei der Largeframe gibt.
  4. Die Largeframe Modelle (zumindest das 100kmh und Performance-Kit) haben 72v Akkus. Während der Prototyp-Entwicklung meines Rollers wurden die Akku-Stecker auf einen anderen mit größerem Querschnitt gewechselt, um mehr Belastungsreserve zu haben.
  5. Prosimo Largeframe E-Umbau – mein Erfahrungsbericht Mitte letzten Jahres bin ich bei meiner Internetrecherche erstmals auf interessante Elektro-Umbausätze für Vespas gestoßen. Damals gab es von Prosimo allerdings nur Kits für Smallframe. Ich habe Simon von Prosimo daraufhin einfach mal kontaktiert und gefragt, wie es mit einem Largeframe-Kit aussieht. Zu der Zeit hatte er bei eBay Kleinanzeigen tatsächlich eine Largeframe stehen – wohl ein früher Prototyp – sowie eine Smallframe, die mit rund 100 km/h Spitze und ca. 100 km Reichweite angegeben war. Genau das war auch meine Zielvorstellung: Ein alltagstauglicher Roller, der gut 100 läuft und realistisch 100 km schafft. Ich bin dann bei denen in Springe vorbeigefahren und durfte Probe fahren. Unter anderem eine Primavera mit dem 100er-Kit – und was soll ich sagen: Das Ding ging brutal nach vorne. Laut Simon entspricht das etwa 30 PS Zweitakt, und so fühlte es sich auch an. Das hat mich komplett geflasht. Im Gespräch kamen wir dann auf ein Largeframe-Kit zu sprechen. Das war zu dem Zeitpunkt noch in Entwicklung, aber Simon bot an, den Umbau im Rahmen des Prototypenbaus an meiner VNB umzusetzen. Nach einigem Hin- und Herschreiben habe ich ihm Ende letzten Jahres meine VNB gebracht mit der Vorgabe: „Leistung: LEISTUNG“ Der Umbau hat etwas Zeit gebraucht, aber im August konnte ich die Vespa endlich abholen – und was soll ich sagen: FETT! Sie hat jetzt drei Akkus mit insgesamt 6,6 kWh an Bord (je 2,2 kWh): einer an der Tankposition einer in der Seitenbacke einer vorne in der Tasche Mit den drei Akkus liegt das Gesamtgewicht bei rund 120 kg, was natürlich deutlich über einer klassischen VNB oder PX liegt. Das Mehrgewicht merkt man allerdings weniger beim Fahren als vielmehr im Stand oder beim Rangieren: Wenn man den Roller schiebt oder im Sitzen mit den Füßen bewegt, spürt man die zusätzliche Trägheit, die vor allem durch den rund 20 kg schweren Akku vorne auf dem Trittblech entsteht. Ich bin den Roller auch schon ohne die vordere Tasche bzw. ohne den Frontakku gefahren – dann fühlt er sich beim Schieben und Umsetzen tatsächlich „vespiger“ und deutlich leichter an. In der Bewegung selbst relativiert sich das Gewicht dagegen fast vollständig. Fahrdynamisch ist der Frontakku allerdings ein echter Gewinn: Ohne ihn hebt das Vorderrad beim Beschleunigen immer wieder leicht ab, und bei höherem Tempo wirkt der Roller trotz der Leistung unruhiger. Mit Akku vorne bleibt das Vorderrad sauber am Boden, der Geradeauslauf wird deutlich stabiler und das Fahrgefühl bei hohen Geschwindigkeiten spürbar souveräner und entspannter. Für die enorme Leistung ist die zusätzliche Masse vorne aus meiner Sicht klar ein Vorteil. Beim Scooter Center Open Day waren wir mit dem Roller auf dem Prüfstand. Dort wurden gut 42 PS am Hinterrad gemessen. Da Prüfstände für Verbrenner ausgelegt sind und E-Antriebe dort erfahrungsgemäß eher konservativ gemessen werden, dürfte das ein realistischer, wenn nicht sogar vorsichtiger Wert sein. Das Fahrgefühl ist schlicht gigantisch. Ich bin inzwischen so um die 1.500 km gefahren und hatte zu keinem Zeitpunkt Reichweitenangst. Ich fahre seit vielen Jahren Vespa, habe unzählige Umbauten hinter mir – inklusive geschrotteter Kolben, Kupplungen, Kurbelwellen, you name it. Aber so einen leistungsfähigen, alltagstauglichen, zuverlässigen und gleichzeitig brachial schnellen Roller bin ich noch nie gefahren. Reichweite (realistisch, aus meiner Praxis):Dauer-Vollgas / Autobahn (~110 km/h): ca. 70 km Überland mit Spaß & viel Gas: ca. 100 km Gemächlich / Stadtverkehr: 120 km, im Sommer eher 130 km Für meine Anforderungen ist das mehr als ausreichend. Zumal ich demnächst ein Onboard-Ladegerät von Prosimo nachrüste, mit dem ich an jeder normalen Wallbox mit 3kw laden kann. (Momentan müsste ich mein stationäres Ladegerät mit 800w Ladeleistung mitnehmen). Es gibt mittlerweile einige Videos mit detaillierten Umbauinfos zu meinem Roller, die ich hier auch noch verlinken werde (u. a. vom Prosimo-Youtube Kanal). Natürlich war der Umbau nicht günstig – aber ganz ehrlich: Ein BFA- oder EGIG-Motor oder ein aufwendiger Scooter-&-Service-Umbau ist das auch nicht. Dazu kommt: Ein getunter Verbrenner mit vergleichbarer Leistung hat niemals die Standzeit eines E-Umbaus. Und ich bezweifle stark, dass man 40 PS bei einem Verbrenner legal eingetragen bekommt. Bei mir ist alles TÜV-legal eingetragen, völlig stressfrei – auch mit Blick auf die nächsten HU-Termine. Seit einigen Wochen gibt es das Largeframe-Kit jetzt auch regulär zum Selbstumbau auf der Prosimo-Website zu konfigurieren und zu bestellen. Simon hat dazu auch ein sehr informatives Video veröffentlicht – für alle, die sich ernsthaft damit beschäftigen wollen. Ich habe mir vor dem Umbau auch intensiv andere Lösungen angeschaut, u. a. das Retro-Kit. Optisch finde ich das Motorgehäuse von denen durchaus cool, allerdings hat man dort weiterhin: Getriebe Lager mehr mechanische Geräusche Gerade das Surren des Getriebes, das man in vielen Videos hört, würde mich persönlich beim Fahren eher stören. Beim Prosimo-Radnabenmotor ist das überhaupt kein Thema – Leistung ebenfalls nicht. Auch ein Umbau-Kit aus England stand bei mir kurz im Raum. Technisch spannend, aber ohne realistische Möglichkeit, TÜV-Papiere für Deutschland zu bekommen. Und genau da liegt für mich der große Vorteil von Prosimo: Für alle relevanten Komponenten gibt es Gutachten, sodass man ganz normal zum TÜV fahren und alles sauber eintragen lassen kann. Für uns in Deutschland ist das einfach Gold wert. Unterm Strich: Ich kann den Umbau uneingeschränkt empfehlen und bin nach wie vor begeistert und freu mich jedesmal wenn das Wetter nicht zu furchtbar zum Roller fahren ist und ich mit meiner VNB durch die gegend Jage. Für mich aktuell das Beste, was man einer Vespa antun kann - zumindes wenn man sich vom Zweitaktduft, der Handschaltung und der Geräuschkulisse trennen mag.

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